Umgeben von Masken

„Bisher habe ich viele Masken gesehen; wann werde ich menschliche Gesichter sehen?“ Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal einen Schreibschub hatte. Heute war es mal wieder so weit, ich habe in der U-Bahn mein Block und meinen Stift rausgeholt und einfach geschrieben. Hier nun das Ergebnis:

Derzeit kommt es mir öfter so vor, umgeben von Puppen zu sein. Die Kollegen/Menschen sind wie Puppen ausdruckslos, ertragen alles und sehen dabei immer noch gut aus. Eine ausdrucksstarke Mimik kommt erst in Extremsituationen oder wenn es die Etikette es erfordert. Ansonsten versteckt man sich hinter seiner Fassade. Die wie eine Art Mauer einen umgibt, um keine Angriffsfläche zu bieten. Das einzige, was man dann noch zulässt ist, dass man meckert. Das ist mir in der gesamten Berufszeit, Ausbildung und Hilfsjobs eingeschlossen aufgefallen: Alle meckern, aber ändern tun immer die wenigstens. Stattdessen wird die Aufgabe, die man niemals machen würde, artig vom Chef entgegengenommen und ausgeführt. Es ist wie mit der Klassenarbeit: Nein wir schreiben alle nicht, und tatsächlich waren immer 95% dann doch da und schrieben.

Damit kann man wunderbar die Effizienz und die Druckschraube weiter erhöhen. Ich wundere mich nur, wann dann wirklich mal einer seine Grenzen wirklich anerkennt und den Mut hat, stopp zu sagen. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich den Menschen nur noch mit Schütteln zum Aufwachen bringen kann.

Ich bin aber vor ein paar Jahren auch nicht besser gewesen. Ich habe meine Dissertation über das Thema geschäftsprozessorientiertes Wissensmanagement geschrieben. Geschäftsprozesse optimieren jede Arbeit. Leider stellen Manager immer Aufgaben fest, deren Ablauf man vorab nicht wirklich definieren kann. Das sind die so genannten wissensintensiven Arbeitsschritte. Diese erfordern Wissen, Erfahrung und Kreativität. Meine Idee war, dass man diese Arbeitsschritte durchaus in einen Geschäftsprozess abbilden kann und mit Hilfe der vorhergegangenen Aufgaben kann ich in diesem wissensintensiven Schritt relevante Informationen bereitstellen. Ein weiterer Optimierungsschritt war, die KPIs (Key Performance Indicator: Qualität, Dauer, Umsatz) auch für diese Aufgaben zu definieren. Gut, bin ich von der Idee abgekommen, damit hätte ich lediglich erreicht, dass der Druck für diese Aufgabe erhöht wird und damit die Kreativität unterdrückt. Aber dass man Arbeiten mit scheinbar objektiven messen kann, nimmt immer mehr zu. Dabei nimmt das Infrage stellen vom Sinn dieser KPIs wiederum ab. Und eine schöne Manager-Aufgabe ist, dann, zu überlegen, wie man diese KPIs beim nächsten Mal (besser) erreichen kann, so dass sie das Gefühl haben, tatsächlich noch etwas entscheiden zu können/dürfen.

Eine weitere Optimierung, die sehr massiv in der Firma durchgeführt wird, in der ich jetzt bin, ist, dass man jedes Meeting bis ins Kleinste plant und gestaltet. Jeder Teilnehmer wird vorher genauestens analysiert und dementsprechend vorher, wenn notwendig, instruiert. Damit hat man das Gefühl, Kontrolle über das Meeting zu erhalten. Ich lehne mich in diesen langen Diskussionen immer zurück und denke mir, das Schicksal sieht uns im Hintergrund zu und lacht. Ich weiss, ich habe einen Artikel geschrieben, über wie man ein Meeting plant. Mir ist einfach wichtig, dass man ein Ziel für das Meeting hat, sonst entgleiten alle Diskussionen. Aber Menschen plane ich definitiv nicht. Jeder ist einzigartig und jeder bringt seine Einzigartigkeit mit in das Meeting. Und je nach Konstellation kann es zu feurigen Diskussionen oder eben zu stillschweigenden Sitzungen führen. Gut ist, wenn man im Meeting sieht, wie sich die Menschen gerade ergänzen und es schafft, sie gemeinsam zum Ziel zu bringen.

Was mir zum Thema meckern auffällt ist, dass man sich derzeit vermehrt gerne über andere stellt. Oder ich achte derzeit mehr darauf. Damit finde ich möglicherweise eine Schwachstelle eines Menschen aber damit übersehe ich gleichzeitig seine Stärke. Eine weitere Folge ist, dass ich versuche, meine Schwachstellen noch weiter zu verstecken, um selbst keine Angriffsfläche zu bieten und werde damit noch mehr zu einer ausdruckslosen Puppe. Damit verliere ich immer mehr meine Einzigartigkeit und schwimme in einem Meer von Angepassten mit.

Also einfach mal innehalten und locker lassen. Wir sind halt keine Maschinen sondern Menschen mit Stärken und Schwächen. Aber wir haben die Chance unsere Einzigartigkeiten mit anderen Menschen zu kombinieren, um Grosses zu bewirken. Und umso mehr wir so sein dürfen wie wir sind, umso mehr kommt unsere Einzigartigkeit zur Geltung und umso wertvoller sind wir für anderen. Denn wenn wir alle gleich sind, brauchen wir einander nicht mehr.

 

 

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