Maske runter

Wer einmal sich selbst gefunden, kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren. Und wer einmal den Menschen in sich begriffen hat, der begreift alle Menschen. (Stefan Zweig)

Ich habe letztens geschrieben, dass wir im Berufsleben oft eine Maske aus verschiedenen Gründen aufsetzen. Auch ich bin da keine Ausnahme. Gestern hatte ich die Chance genutzt, sie runter zu nehmen. Als Beraterin hatte ich ein Meeting bei einem Kunden zu moderieren. Natürlich muss man es professionell machen; mit Agenda und für alles am besten schon eine Lösung parat haben. Als ich das Meeting aufgesetzt hatte, gab es auch ein Ziel. Ich wollte Vertrauen aufbauen und ein gemeinsames Vorgehen erarbeiten. Leider hatte das Ziel sich erschlagen, da mein Chef mich meiner Aufgaben aufgrund des politischen Gerangels in dem Projekt enthoben hatte. (Übrigens eine einsame Entscheidung, ohne dass ich mit einbezogen worden bin, aber das ist ein anderes Thema. :))

Nun war ich meinem Ziel beraubt worden und hatte das Gefühl, dieses Meeting dennoch machen zu wollen. Obwohl auch dies von meinem Chef nicht gewollt war. Ich bin dennoch gegangen. Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich setze meine Sachlichkeits-Maske auf und führe das Meeting professionell oder ich setze alles auf die Karte Vertrauensaufbau und schmeisse alle „Professionalität“ über Board. Die erste Variante wäre völlig gegen mein Naturell, meine Werte, Gefühle und inneren Einstellung; ich hätte definitiv schauspielern müssen; ich wäre damit definitiv nicht authentisch gewesen. Also habe ich mich für die zweite Variante entschieden, bei der ich völlig dahinter stehen konnte und damit auch authentisch sein konnte, aber definitiv nichts mit dem, was man von einer Beraterin erwartet, zu tun hatte.

Ich eröffnete das Meeting und sagte, dass ich gerade völlig hilflos bin und habe dies auch entsprechend begründet. Ich habe in völlig verblüffte Gesichter geschaut, sogar in manch einen offenen Mund. Aber kurz danach hatte ich das Gefühl, dass alle aus irgendeinen Schlaf aufgewacht waren und spürte eine Art Erleichterung; vielleicht dass jemand ausgesprochen hat, was alle schon dachten, aber nicht trauten zu sagen. Diese Offenheit führte dazu, dass ich mit Vertrauen belohnt wurde. Nach einigen Rückfragen war es dann so, dass auch die Teilnehmenden ihre Ängste mitteilten, damit hatten dann alle ihre Masken fallen gelassen. Weil jeder sich als vollständiger Mensch einbringen konnte, wurde daraus ein tolles Arbeitsmeeting mit einem tollen Ergebnis. Am Ende wurde sogar gelacht. Klar, dadurch dass ich bisher „professionell“ aufgetreten bin, gab es Situationen, bei denen ich merkte, dass jemand seine Fassade wieder aufsetzte. Aber es braucht natürlich Zeit Vertrauen aufzubauen.

Durch den positiven Erfolg des einen Meetings bin ich gleich in einem anderen Meeting – ein Jour Fixe mit andere Menschen und anderen Probleme- als ganzer Mensch anwesend gewesen. Damit konnte auch dort dieses Vertrauen aufbauen. Das Ergebnis war, dass es im Gegensatz zu sonst, nicht so trocken ablief und am Ende wurde auch dort sogar herzlich gelacht.

Damit möchte ich sagen, es braucht definitiv Mut, Schwächen zuzugeben. Aber es ist schön als ganzer Mensch sich einbringen zu können und damit es auch zu schaffen, anderen Menschen ihre Maske zu nehmen und die Chance zu haben, diesen Menschen als ganzen Menschen wahrzunehmen zu dürfen.

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