Gestalten vs. verwalten (oder einfach zu hohe Erwartungen)

„Die größten Enttäuschungen haben ihren Ursprung in zu großen Erwartungen. (Ernst Ferstl)“

Ich hatte gestern ein Meeting, was mich emotional völlig mitgenommen hat, aber ich habe erst heute verstanden warum.

Ich hatte ein Teammeeting zu planen. Da nun Jahresende ist, habe ich gedacht, wäre ein Rückblick und ein Vorwärtsblick sinnvoll. Also habe ich mich auf meine Projekte zurückgeblickt und mir ist eingefallen, dass ein Projekt ja nicht eine Einbahnstrasse, um ein Projektziel zu erreichen, sondern jeder im Projekt sollte auch seine eigenen Ziele erreichen können. Also habe ich jeden bewerten lassen, in wie weit das Projekt die Ziele jedes einzelnen erreicht hat. Danach durfte jeder für sich überlegen, welche Ziele er denn nächstes Jahr erreichen möchte, welchen Beitrag er damit auch im Team und auch für den Kunden erreichen möchte.

Dabei ist mir aufgefallen, dass manche mit der Aufgabe überfordert waren. Ich glaube, das die Herausforderung darin lag, den Blickwinkel von passiv zu aktiv zu wechseln. Das kann ich in einem späteren Artikel beleuchten.

Genau einen Tag nach diesem Meeting haben sich die Rahmenbedingungen im Projekt geändert. Unser Kunde hat unseren Projektleiter für obsolet erklärt, aber uns als Team wertschätzt und braucht uns auch. Nun gibt es die Angst, dass diese Stelle nicht mehr besetzt wird und wir direkt dem Kunden gegenüber berichten und damit rasch zum Bodyleasing übergehen. Um dieser Angst zu begegnen, habe ich gefordert, dass wir einen Workshop (am besten ausserhalb des Büros) durchführen und überlegen, wie wir unsere Ziele einbringen können und unter welchen Bedingungen wir diese Ziele sinnvoll einbringen können. Also wir wollten gestalten. Die Idee wurde auch als positiv eingestuft und das Meeting schnell organisiert. Aber leider nicht ausserhalb des Büros und der Zeitraum war kürzer als geplant. Und wurde von unserem Projektleiter organisiert.

Einen Tag vor dem Workshop wurde ich dann von meinen Projektleiter zu einer kurzen Abstimmung eingeladen, in dem er mir sagte, dass ich mir als Vorbereitung überlegen sollte, was wir in den drei Arbeitspaketen machen möchten. Da es ja um gestalten ging, habe ich das als positiv bewertet, da ja auch aufgrund der Zeit, tatsächlich wir nicht durchkämen ohne Vorbereitung. Was mich stutzig machen hätte werden lassen können, war, dass es eine Powerpoint gab, in der ein Schema eingebracht war, um diese Arbeitspakete zu beschreiben. Mit Rahmenbedingungen, Schätzung, Verantwortlichkeiten.

Dann kam das Meeting, eben gestern. Meine Erwartungshaltung war: „wir gestalten!“. Ich war total motiviert und freute mich auf den Workshop. Tja dann kam es anders: Die zwei Organisatoren waren schon im Raum, die Powerpoint war schon an der Wand geworfen. Und der Ablauf war: Wir sind durch die PPT gegangen und haben überlegt, was wir pro Folie sagen wollen. Also von gestalten, Ängste abbauen usw. wurde ein Durchgehen von Folien. Keine Chance mehr zu diskutieren oder geschweige denn zu gestalten.

Als wir begonnen, habe ich schon gemerkt, irgendwas macht es gerade mit mir; konnte es aber nicht einordnen. Nach kurzer Zeit hatte nur noch einen Gedanken: ich muss hier raus. Ich bin dann auch raus, um Luft zu holen. Ich hätte wohl auch einfach draussen bleiben sollen. Stattdessen bin ich artig wieder rein. Das Gefühl der Enttäuschung wuchs und vermischte sich dann mit Wut. Alles in mir sträubte sich. Ich konnte in dem Meeting aber auch nicht ausdrücken, was mich wirklich störte: Ausser „Ich habe mir das Meeting heute anders vorgestellt und dass ich keine Powerpoint-Folien-Durchgehen erwartet habe.“, was ich auch durchaus sagte. Damit gesellte sich zu dem Emotionen noch das Gefühl der Hilflosigkeit. Tja und irgendwann liefen dann die Tränen.

Eine Folie war übrigens ein Organigram, in der wir 5 Arbeitspakete aufgelistet waren. Alle anderen aus dem Team waren einem Arbeitspaket zugeordnet und ich war 3 Paketen zugeordnet. Und zwar grossen Themen, die mir alle durchaus Spass machen: Agiler Coach, Einführung eines agilen Programms, Qualitätsmanagement und Architekturmanagement. Ihr seht aber schon an den Themen, dass dies nicht unbedingt mit einem Pensum von 60% möglich ist. Bei Qualitätsmanagement fehlen mir die nötigen Qualifikationen, bei Architekturmanagement fehlte mir, ob und was der Kunde denn gerne haben möchte. Auf die Frage hin, mit wieviel Stunden ich denn was machen könne, habe ich gesagt, dass ich die Themen alle wichtig und sinnvoll finde. Aber ich es nicht alleine stemmen kann. Damit war die Frage für die Projektleitung natürlich nicht beantwortet. Irgendwann war dann Qualitätsmanagement aus der Folie gestrichen worden. Das war aber nicht, was ich wollte, ich wollte ja gestalten, überlegen, was spannende Themen sind und warum und wie wir es machen können. Das einfache Streichen des Themas war für mich der letzte Schlag in die Bauchgrube.

Der Projektleiter war mit meinen Emotionen dann völlig überfordert und wurde mir gegenüber laut. Bevor ich aber intervenieren und sagen konnte, dass er nicht in dem Ton mit mir sprechen darf, ist ein Kollege dazwischen gegangen und hat auf die Folien hingewiesen, dass wir die ja fertig machen wollen und wir unseren Streit bitte bilateral klären sollten.

So ganz weiss ich immer noch nicht, was ich hätte machen sollen. Einfach gehen, weil das Meeting vollständig gegen meine Werte läuft? Ich glaube, das wäre das beste gewesen. Zumindest für mich und meine Werte. Es ging auch nicht um mich. Ich wusste ja, dass einige aus dem Team auch diese Angst haben (eigentlich der Grossteil, bis auf die, die das Meeting organisiert haben) . Aber durch die Folien wurde jede Diskussion im Keim erstickt. Es wurde zwar jede Folie für sich diskutiert, aber das Grundlegende wurde damit nicht angesprochen.

Also beim nächsten Mal erwarte ich besser nichts oder versuche die Organisation selbst zu übernehmen. Und wenn es völlig quer läuft, stehe ich auf und gehe.

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