Was ist Wissen? Und ist es wirklich Wissen, was wir managen wollen?

 

Was wir wissen, ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean.“ (Isaac Newton)

Was wollen wir im Wissensmanagement eigentlich genau managen? Eigentlich ist es klar, Wissen; es steckt ja schon im Namen. Doch was ist Wissen überhaupt? Diese Frage ist wichtig zu beantworten, denn das Wissensmanagement wird derzeit eher als Datenaufbereitung und Informationsaustausch missverstanden. Daher stelle ich Ihnen die Begriffe, die im Zusammenhang mit Wissen stehen vor.

Was ist Wissen?

Wenn man nach Definitionen von Wissen sucht, stösst man recht schnell auf die so genannte Wissenstreppe von North. Dort stehen die folgenden Begriffe in einen Zusammenhang:

  • Zeichen
  • Daten
  • Informationen
  • Wissen, Können
  • Handeln

Meist werden die Stufen interpretiert als: „es müssen erst die untere Treppenstufe erreicht sein, um die nächsthöheren Stufe erreichen zu können.“ Ganz so einfach ist dies aber nicht, da die Übergänge fliessend sind.

Zeichen, Daten, Informationen, Wissen

Für Zeichen mache ich es kurz: Zeichen werden durch Ordnungsregeln (Code oder Syntax) zu Daten.

Ein einfaches Beispiel:

"Maria" "Müller", "Martin", "5", "8,99", "12.03.2018"

Jedes für sich ist ein Datum. Man könnte schon anhand der Daten versuchen etwas zu interpretieren. Dafür braucht man den Kontext, in dem sie gebraucht werden. Dabei versucht das Gehirn die Daten mit dem gespeicherten Wissen in Übereinstimmung zu bringen. Ich schätze, viele Daten sind klar in Relation zu bringen, aber „Martin“ ist in der Reihe wahrscheinlich nicht ganz so einfach.

Der Kontext wäre hier, dass wir uns in einem Gartencenter befinden. Wenn Sie vorher schon versucht haben, die Daten zu interpretieren, könnten Sie bei Martin als Produkt gestutzt haben. Es sei denn, Sie gärtnern und/oder Sie kennen sich mit Tomaten aus. Dann haben Sie das notwendige (Hintergrund-) Wissen, um die Information interpretieren zu können, denn Martin ist eine veredelte Fleischtomate.

Damit wäre die Information aus den oben abgeleiteten Daten:

Maria Müller hat 5 Tomaten der Sorte Martin für 8,99 EUR pro Stück am 12.03.2018 gekauft.

Was genau ist dann Wissen?

Wissen ist, wenn ich Informationen zweckdienlich also in meiner Praxis vernetze.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Lagerist in einer Gärtnerei und erhalten die oben genannte Informationen. Sie können nun ableiten, dass Sie 5 Tomaten der Sorte Martin weniger auf Lager haben. Wenn bereits viele Tomaten der Sorte verkauft wurden, müssen Sie Ihr Lager wieder aufstocken.

Als Vertriebler, der Frau Müller gut kennt und weiss, dass sie zum ersten Mal Tomaten anpflanzt, könnte ich darauf schliessen, dass sie möglicherweise noch nicht weiss, dass sie ihre Tomaten überdachen muss.

Wissen entsteht, wenn Informationen in einen Praxiszusammenhang eingebunden werden. Zudem brauche ich die Erfahrung, um diese Information interpretieren zu können. Also ich als Vertriebler muss Frau Müller kennen, ich muss wissen, dass Martin eine Tomatensorte ist und ich muss selbst wissen, dass Tomaten überdacht werden müssen. Wenn ich dieses Wissen nicht habe, ist die Information oben für mich wertlos.

Ich werde mir selten einfach nur Informationen in meiner täglichen Praxis anschauen ohne ein Ziel zu haben. Ziel ist dabei meistens, dass ich mit Hilfe der Informationen Entscheidungen für Handlungen treffen möchte. Das bedeutet aber auch, dass die Organisation/System die jeweiligen Daten für mich bereitstellen, also beobachten und speichern muss. Dementsprechend überlegt eine Organisation/System vorher, welche Daten denn beobachtet und gespeichert werden; möglicherweise in dem ich vorher das Wissen meiner Mitarbeiter einhole, in dem ich Frage, welche Informationen für ihre tägliche Arbeit relevant sind.

In welchem Zusammenhang steht dann Wissen mit Können, Handeln und Kompetenz?

Wenn man der Wissenstreppe die Treppe weiter voranschreitet, kommen noch die Begriffe Können, Handeln, Kompetenz und Wettbewerbsfähigkeit.

Es gibt ein paar die Können und Wissen als aufeinander aufbauende Treppenstufen darstellen, das würde ich definitiv nicht unterstützen. Wer beispielsweise Englisch kann, „muss keineswegs wissen, dass man bei adverbialem Gebrauch von Adjektiven ein „ly“ anhängen muss. Er tut es einfach.“ [1, S. 62] Fahrradfahren ist auch so ein typisches Beispiel: Wir können Fahrrad fahren, aber jemanden erklären, wie wir es machen, können wir nicht. Können wird auch als implizites Wissen bezeichnet, d.h. es ist Wissen, das wir nicht als solches (explizit) haben, über das wir aber verfügen können, in dem wir es nutzen.

Wenn wir einen Antrieb, eine Motivation haben, stellen wir unser Können auch gerne unter Beweis und setzen es in Handlungen um. Damit wird das Wissen für die Organisation sichtbar, denn ich liefere messbare Ergebnisse und hat damit einen Wert für die Organisation.

Beim Handeln ist das „Wollen“, die Motivation bzw. „Dürfen“ entscheidend für das Ergebnis. Wenn ich etwas kann aber nicht motiviert bin, fehlt mir der Antrieb und das Ergebnis wird wahrscheinlich eher schlechter ausfallen. Genauso verhält es sich, wenn ich etwas nicht darf, werde ich mein Können möglicherweise nur begrenzt einsetzen (können).

Folgende Faustformel lassen die Zusammenhänge klar werden [2, S. 49]:

Leistung = Kompetenz x Motivation x Möglichkeit (Legitimation)

Sie sehen, wenn auch nur einer der Faktoren Null ist, ist auch das Ergebnis Null.

Diese schlechten Ergebnisse könnten dazu führen, dass man mich für wenig kompetent hält, denn Kompetenz ist die Fähigkeit in einer Situation richtig handeln zu können. Kompetenz ist das Ergebnis eines Lernprozesses: In dem ich Aufgaben erfolgreich wiederhole und meine Art und Weise der Bearbeitung reflektiere, sammle ich Erfahrungen. Damit werde ich mit jeder Aufgabe sicherer und kann immer neue, herausfordernde Problemsituationen bewältigen. Damit unterscheidet sich beispielsweise der Lehrling vom Meister.

Das Wort Wettbewerbsfähigkeit auf der Treppe zeigt, dass wir einzigartige Kompetenzen in unserer Organisation haben und gut kombinieren sollten, um wettbewerbsfähig zu sein. Aber es ist wie oben gezeigt nicht einfach so, dass ich Mitarbeiter mit hohen Kompetenzen einstelle und dann bin ich wettbewerbsfähig. Was dazu alles noch benötigt wird, zeige ich Ihnen in späteren Artikeln.

Und was kann bereits durch IT-Lösungen unterstützt werden?

Da Sie nun wissen, was Wissen genau ist, können Sie nun sinnvoller nach relevanten IT-Lösungen suchen, wenn es sie denn gibt. Denn zum einen muss abhängig von der Organisation überlegt werden, welches Wissen denn genau unterstützt werden soll. Zum anderen stehen die meisten Systeme noch am Anfang, indem sie entweder gute Suchen bieten oder abhängig vom Kontext (Support Ticket oder ähnlichem) relevante Informationen (in Form von Dokumenten, E-Mail Verläufe, Expertenkontaktdaten usw.) bereitstellen oder durch (vormodellierten) Fragen und Antworten helfen, die passende Lösung zu finden. Ich stelle Ihnen die verschiedenen Arten der WM-Systeme später vor.


Referenzen:

  1. Manfred Spitzer (2006) Lernen, Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg.
  2. Klaus North, Kai Reinhardt, Barbara Sieber-Suter (2013) Kompetenzmanagement in der Praxis: Mitarbeiterkompetenzen systematisch identifizieren, nutzen und entwickeln, mit vielen Fallbeispielen, 2. Auflage, Springer Gabler, Wiesbaden.
  3. Freimut Bodendorf (2006) Daten- und Wissensmanagement, 2. Auflage, Springer, Berlin, Heidelberg, New York.
  4. Helmut Willke (2011) Einführung in das systemische Wissensmanagement, 3. Auflage, Carl-Auer Verlag GmbH, Heidelberg.

 

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