Von der Schuldkultur zur Lernkultur

„Wer in der falschen Richtung geht, den hilft auch Galoppieren nichts.“ (Emil Oesch)

Wenn Du an Fehler denkst, verknüpfst Du damit positive Erfahrungen? Normalerweise sind Fehler in unserer Gesellschaft negativ belegt. Aus meiner eigenen Kindheit erinnere ich mich an viele Erlebnisse, wie etwa eine zerbrochene Vase, bei der meine Schwester und ich gleichzeitig sagten: „Sie war´s!“ um die Frage meiner Eltern nach „Wer war das?“ zuvorzukommen. In der Schule kriegt der gute Noten, der fehlerlos ist und der der Fehler macht, wird mit schlechten Noten bestraft. Bei Personalbeurteilungen wird Mitarbeitern mitgeteilt, welches Verhalten erwünscht und welches unerwünscht ist. Haben wir uns wie erwünscht verhalten, wird es mit einem Bonus oder einer spannenderen Rolle belohnt, schlechtes Verhalten wird dagegen bestraft.

Wenn wir ehrlich sind, machen wir doch eigentlich alle täglich Fehler, frei nach dem Motto: Irren ist menschlich. Diese Irrungen und Fehler zeigen uns Wege, die sinnvoll sind und was eben nicht funktioniert. Damit bilden wir Erfahrung, prägen unsere Persönlichkeit und formen unseren Charakter. Wir sollten also alle Profis im Umgang mit Fehlern sein. Stattdessen zeigt sich in Unternehmen aber Angst und Unsicherheit. Auch weil wir uns ausmalen (können), was eine mögliche Bestrafung sein könnte, von der Blosstellung vor einer Gruppe bis hin zur Kündigung. Aus Angst versuche ich Fehler zu vermeiden. Das kostet enorm Energie, die mir dann nicht zur eigentlichen Arbeit zur Verfügung stehen. Oder ich versuche bei aufgetretenen Fehlern, meinen Beitrag nicht zuzugeben, wofür ich ebenfalls eine Menge Energie benötige. Oder ich verbrauche unnötig Energie, indem ich den Fehler jemand anderen anhänge.

Fehler anderen anzuhängen, klappt auch immer wieder, denn wir leben in einer solch komplexen Welt, dass meist der sichtbare Fehler, durch Kombination vieler kleiner (unsichtbarer und unbewusster) Fehler auftritt. Dies wurde mir in einem Projekt bewusst: Ich weiss noch nicht mal mehr, was genau schief gelaufen ist, aber ich weiss, dass Menschen aus verschiedenen Abteilungen (Betrieb, Wartung, Support, Entwicklung) daran beteiligt waren. Eigentlich war das Problem, dass ein neuer Geschäftsvorfall aufgetreten ist. Alle haben dennoch versucht, das Beste daraus zu machen. Aber dadurch, dass keiner die Verantwortung für den Fall übernommen hatte und niemand wirklich wusste, mit wem er was kommunizieren musste, trat am Ende ein Fehler auf, der Kunde war genervt. In einem Meeting wurde hin- und herüberlegt, wer denn nun Schuld an der Situation sei. Am Ende sollte es dann ein Entwickler sein, also der letzte in der Kette, der die nicht-kommunizierten Dinge hätte umsetzen sollen.

Um möglichst wenige Fehler zu machen, versuchen alle den gleichen Weg zu gehen. Beispielsweise gleichen sich viele Lebensläufe. Lücken in einem Lebenslauf werden als Makel empfunden. Hinweise, wie man mit diesem Makel umgehen soll, gibt es im Netz zu Hauf. Doch ist der Weg der Anderen auch für mich gut? Muss ich ein Auslandssemester machen, auch wenn ich überhaupt keine Lust dazu habe, nur weil ich sonst Angst haben muss, den begehrten Job nicht zu erhalten?

Gleiche Wege von vielen führen zu gut ausgebauten Autobahnen, die einen schnell von A nach B bringen sollen. Sie können gut ersichtlich in Karten gezeichnet und damit an alle weitergegeben werden. Auf die Unternehmenswelt übertragen sind dies beispielsweise Geschäftsprozesse oder Projektmanagement-Methoden. Damit können alle oder neue den gleichen Weg finden und gehen. Alle Mitarbeiter können irgendwo diese Prozesse ablesen oder können es sich von Kollegen erklären lassen oder auf einem Lehrgang lernen. Man weiss, wenn ich mich an den vordefinierten Weg halte, werde ich nicht bestraft. Das bietet den Mitarbeitern und dem Unternehmen Sicherheit. Aber wenn alle die gleichen Wege gehen, ist es dann der richtige Weg? Gibt es nicht noch effizientere und effektivere Wege, die einfach besser zum Unternehmen passen? Und kann ich dann innovativ sein? Vielleicht muss ich dafür die Autobahn verlassen?

Viele Unternehmen stellen gerade fest, dass beispielsweise das klassische IT-Projektvorgehen wohl nicht unbedingt der richtige Weg ist. Anstatt zu überlegen, welcher Weg für uns sinnvoll ist, folgen dann viele Unternehmen einen neuen Trend, wie beispielsweise agiles Projektmanagement nennt. Trends führen dazu, dass die Methoden genau beschrieben werden, Seminare und Berater angeboten, möglicherweise Zertifikate verteilt werden können. Und ist es der richtige Weg für meine Unternehmung? Bei Scrum sieht man oft, dass es nicht reicht, die Methoden, also den Plan zu kennen, sondern es auch zu leben. Da ist erstmal die Frage sinnvoll, kann und will mein Unternehmen agil sein? Was fehlt mir noch, um agil zu werden?

Um seinen eigenen Weg zu finden, muss man Risiken eingehen und Fehler machen können und dürfen. Klar, ist ein eigener Weg mit Hindernissen verbunden. Aber ich entwickle Strategien, um diese Hindernisse zu umgehen. Bei Hindernissen räumt man das Hindernis zur Seite, oder man legt eine Markierung, um das Hindernis umgehen zu können. Ich selbst aber auch andere finden diese Markierung und werden dem folgen. Fehler darf man also nicht als Rückschläge auffassen, sondern als Chance zu sehen, um sich damit weiter zu entwickeln.

Mit der Angst im Nacken werde ich keinen eigenen Weg finden können, aber wenn man erst den Mut gefasst hat, ein paar Schritte auf dem Trampelpfad zu gehen, wird man immer mutiger und kann gut mit Rückschlägen umgehen, da man weiss, dass jeder Schritt einen weiterbringt.

Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen. Ich muss mich also trauen und dafür muss ich mir sicher sein, dass ich meinen Weg machen werde und ich jedes Hindernis überwinden kann. Und erst wenn ich mir selbst vertraue, kann ich anderen vertrauen.

Also der erste Weg zur Lernkultur ist, Vertrauen aufzubauen. Zum einen in sich selbst, zum anderen dann in Mitarbeiter. Dafür muss es möglich sein, dass jeder Fehler nicht geahndet wird, sondern als Chance gesehen wird, weiter zu wachsen. Dadurch nehme ich den Druck von mir und meinen Mitarbeiter, darauf zu achten, keine Fehler zu machen. Dadurch wird mehr Energie frei zum experimentieren und zum ausprobieren eigener Ideen. Jede Idee führt möglicherweise in eine Sackgasse, aber wenn derjenige die Sackgasse markiert, können die anderen die Markierung lesen und brauchen nicht denselben Fehler zu machen. Und irgendwann findet man gemeinsam einen eigenen wunderbaren Weg und entwickelt eigene, tolle und innovative Produkte, da Ideen vieler dort einfliessen können.

Wie stelle ich fest, dass in meiner Unternehmung eine Schuldkultur vorherrscht?

Um herauszufinden, ob in meiner Unternehmung eine Fehler- oder Lernkultur vorherrscht, muss ich herausfinden, wie derzeit mit Fehlern umgegangen wird. Ein gutes Indiz ist, welche Frage beim Auftreten einer Frage beantwortet wird: Wird nach dem Auftreten eines Fehlers nach „Wer ist Schuld?“ gefragt? Oder wird nach dem „Warum?“ gefragt?

Gehe aufmerksam auch beispielsweise durch Projektstatusberichte. Viele haben den Status grün. Aber ist das wirklich so? Sind da nicht doch schon Probleme aufgetaucht und es will sie keiner auf den Tisch bringen?

Werden in Diskussionen gleiche Meinungen vertreten oder gibt es durchaus kritische Stimmen oder neue Ideen? Werden diese Beiträge wertgeschätzt oder diejenige, die andere Meinungen/Ideen einbringen, bestraft?

Wie kreiere ich eine Lernkultur?

Um Kultur zu ändern, bedarf es vieler kleiner Schritte, die das Verhalten vieler beeinflusst, die dann wiederum das Verhalten anderer beeinflussen. Daher muss ich als Führungsperson als gutes Vorbild vorangehen, indem ich eigene Fehler zugebe, Verantwortung dafür übernehme und darüber offen spreche.

In Lessons Learned-Sessions kann gemeinsam über Erfahrungen gesprochen werden. Wenn dies regelmässig geschieht und Erfahrungen festgehalten werden, kann man selbst aber auch andere aus den Erfahrungen lernen, so dass die gesamte Organisation gemeinsam lernen und wachsen kann.


Referenzen:

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Von der Schuldkultur zur Lernkultur

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