Agile Handwerker

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(„Numb“, The Edge)

 

Zum Thema Agilität und Standardisierung (Kontrolle) habe ich einen neuen Mitautor gewinnen können, der ein Experte im Bereich agile Entwicklung ist.

Agilität wird gerade zum Mainstream. Jetzt wollen alle agil sein, aber wollen auch alle  die Konsequenzen tragen? Oder wollen wir nur mitmachen, weil gerade alle agil sind, aber ohne die zugehörigen Werte leben zu wollen?

Ich finde, der Artikel verdeutlicht, was die Konsequenzen vom Leben der Werte, die mit Agilität einhergehen, ausmacht.

Viel Spass beim Lesen und beste Grüße,
Daniela

Standardisierung: Fluch(t) oder Segen?

Nach dem Einzug in unsere neue Wohnung wollten wir das Badezimmer renovieren. Unter anderem wollten wir die Dusche von der Badewanne separieren. Eine Ecke im Badezimmer war hierfür noch frei. Unsicherheit herrschte hinsichtlich des Abwasseranschlusses, da hierfür eine bestimmte Mindestneigung vom Duschabfluss zum Fallrohr notwendig war.

Aufgrund der Komplexität dieser Aufgabe, empfahl uns die Hausverwaltung den Sanitärbetrieb, der den Wohnblock seit Jahren betreut. Der Meister habe langjährige Erfahrung, der könne sicher auch unseren „Fall lösen“.

Erfahrung im Berufsleben ist ein Wert, den ich selbst mit zunehmendem Alter schätze. Das meine ich augenzwinkernd, aber nicht ironisch 😉

Zurück zu meinem Fall: Wir machten einen Termin mit dem Meister in unserem Badezimmer. Er kam mit Hammer und seinem Katalog verfügbarer Sanitäreinrichtungen. Er klopfte die Kacheln zum Fallrohr auf, um zu prüfen, ob der Anschluss tief genug liege um einen ausreichenden Neigungswinkel zum Abfluss einer ebenerdigen Dusche zu ermöglichen.

Er klopfte, sah und sagte: „Leider nein.“

„Wie, nein?“ – „Ist nicht tief genug, das Wasser kann aus einer ebenerdigen Dusche nicht abfließen. Die einzige Möglichkeit ist, eine Sockeldusche aus dem Katalog zu wählen.“

„Aber die sind hässlich. So etwas hat man nur noch in 70er Jahre Hotels.“ – „Tut mir leid, dann kann ich ihnen nicht helfen.“

„Aha. Ok, dann schließen Sie bitte das Loch und wir lassen es.“ – „Das Loch schließt der Maurer.“

„Welcher Maurer…?“

Manche Erfahrungswerte erwachsen nur aus der Wiederholung des gleichen. Des „katalogisierten“ Lösungsraums. Wer nicht bereit ist, Risiken für etwas Neues einzugehen, wird nicht wachsen. Er (oder sie) wird mit der Zeit, jeden Punkt und Komma seines Erfahrungskataloges kennen, ihn aber nicht erweitern. Der Trick in der Geschäfts- und Berufswelt ist, das diese Leute mit hoher Selbstsicherheit durch die Welt gehen und den Eindruck von Lösungskompetenz erwecken, in dem sie ihren Kunden den Schluss von „Erfahrung“ auf „Expertentum“ suggerieren, und dieses dann mit „Sicherheit“ gleichsetzen. Sie vermitteln dieses Expertentum im Brustton der Überzeugung. Und mit diesem akquirieren sie schnell Aufträge. Das gilt für Handwerker, aber auch für Unternehmensberater, Ärzte etc..

Standardisierung hat in unserem Geschäftsleben einen hohen Stellenwert.  Sie vermeidet Chaos, minimiert Risiken und senkt Kosten und Zeit für Abstimmungen. Sie ermöglicht Massenproduktion.

Aber ebenso erzwingt die Weiterentwicklung von Technik, Moden, Stilen die Weiterentwicklung von Standards und Katalogen. Dies ist der Arbeitsinhalt vieler akademischer Berufe: Standardisierung von Prozessen, Modernisierung oder Erschaffung von IT-Systemen. Oder die Integration von etwas Neuem in eine vorhandene Umgebung. Und die Weiterentwicklung von Standards erfolgt stets unter Schmerzen und Risiko. Der Irrtum auf Kundenseite liegt also in der unterschiedlichen, aber unausgesprochenen Interpretation von „Sicherheit“: Kunden denken an die Sicherheit, ihren Wunsch geliefert zu bekommen. Der Auftragnehmer denkt an seine Sicherheit, die auf dem Katalog basiert. Wir wünschten uns einen Meister, der von uns keine Bereitschaft zur Zustimmung zu seinem Katalog erwartet. Sondern bereit ist, Vorschläge zu entwickeln.

Agilität ermöglicht Innovation

Zurück zu meinem Fall: Wir stopften nun nicht das Loch in der Wand, sondern suchten für unsere Dusche nun selbst nach innovativen Handwerkern. Wir fanden eine frisch gebackene Meisterin, die im Begriff war, den Betrieb von ihrem Vater zu übernehmen. Am Telefon hörte sie uns zu und brachte zum ersten Termin Materialmuster mit. Wir wählten aus, und studierten dann gemeinsam Lösungsmöglichkeiten für die Umsetzung unseres Wunsches.

Wann immer sie eine Konstruktionsidee hatte, schaute sie auf ihren Vater, der inzwischen die Rolle des Qualitätssicherers übernommen hatte. Er funkte nicht dazwischen, sondern beriet nur, wenn er gefragt wurde oder wenn wir ein Risiko übersahen. Das war für unser Projekt genau die richtige Kombination.

Die Lösung bestand darin, aus dem ausgewählten Material selbst einen Sockel zu bauen und darauf eine Dusche aus Einzelglasswänden zu setzen, so dass man die Maße durch die Auswahl verfügbarer Einzelteile selbst schrittweise variieren konnte. Auch für den Abfluss konstruierte sie selbst eine Lösung aus Standardmodulen, die für die notwendige Abflussneigung sorgten.

Was soll ich sagen: Die Dusche funktioniert seit Jahren problemlos und wir sind immer noch froh, im Moment der Unsicherheit dieses Wagnis eingegangen zu sein.

Und damit komme ich auf uns, als Kunden, zu sprechen: Nicht nur die Handwerkerin bewies Mut, in dem sie einen Auftrag annahmen, zu dem die Lösung erst noch gefunden werden musste. Auch wir gingen ein (wenn auch überschaubares, aber in der Praxis möglicherweise lästiges) Risiko ein: Wir hatten keine Garantie, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt eine definierte Qualität bekämen.

Wir ließen uns auf eine agile Vorgehensweise ein, wie sie inzwischen in vielen Softwareprojekten Einzug gehalten hat.

In der Softwarewelt haben Führungskräfte, die ihre Sicherheit aus ihrem schmalspurigen, veralteten Erfahrungskatalog beziehen, keine Chance mehr. Wo Projekte scheitern können, gehört die Suche nach dem Lösungsweg zum Umfang der Projektarbeit. Wer den Auftragnehmer auf Pflichten verdonnern will, ihm nur den schwarzen Peter zuschanzen will, wird immer entweder keinen Auftragnehmer mehr finden oder am Ende eine Lösung akzeptieren müssen, die in mindestens einer Kategorie nicht die Anforderungen erfüllt. In der Softwarewelt ist dies die Weiterentwickelbarkeit der  Lösung. Im Privatleben kann dies ein hässliches Badezimmer sein.

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