Da es mir sehr lange gefehlt hat, denke ich immer wieder über Haltung nach. Ich habe lange versucht, Erwartungen zu erfüllen. Ich wollte nicht anecken, wollte gemocht werden und habe mein Verhalten stark an meinem Gegenüber ausgerichtet. Wenn eine Situation sich für mich unsicher anfühlte, habe ich versucht herauszufinden, was von mir erwartet wurde, und mein Verhalten entsprechend angepasst.

Heute ist das anders. Ich kann wahrnehmen, was gerade passiert, ohne sofort zu bewerten, was das für mich bedeutet. Ich kann beobachten, nachdenken und dann bewusst entscheiden, wie ich handeln möchte.

Manchmal bedeutet eine bewusste Entscheidung, anders zu handeln, als ein altes, etabliertes Muster es von mir verlangen würde. Vielleicht sage ich etwas, das ich früher nicht gesagt hätte. Vielleicht gehe ich in einen Konflikt, den ich früher vermieden hätte. Vielleicht passe ich mich nicht mehr automatisch an. Vielleicht sage ich Nein.

Die Entscheidung ist getroffen, aber die gewünschte Wirkung ist noch nicht sichtbar. Vielleicht reagiert der andere irritiert. Vielleicht entsteht Spannung. Vielleicht frage ich mich plötzlich: War das jetzt zu viel? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich anders reagieren sollen?

Und genau dort wird es schwierig.

Denn wenn ich die Unsicherheit nicht aushalte, kann ich meine Entscheidung sehr schnell wieder zurücknehmen. Ich kann mich entschuldigen, nachgeben oder einfach versuchen, die entstandene Spannung möglichst schnell aufzulösen. Dann fühlt sich die Situation wieder sicherer an.

Aber das Neue bekommt keine Chance.

Daher braucht Veränderung den Mut, diese Unsicherheit manchmal über einen längeren Zeitraum zu halten. Ein Konflikt entsteht vielleicht erst aus vielen dieser Irritationen. Er macht sie sichtbar und gibt uns damit die Chance, sie zu klären. Ein Mensch braucht Zeit, um eine Veränderung in unserem Verhalten anzunehmen und seine Erwartung an das bisherige Muster zu verändern. Ein Team muss vielleicht erst mehrfach erleben, dass wir eine Grenze tatsächlich halten.

Eine neue Entscheidung braucht vielleicht Zeit, bevor ihre Wirkung erkennbar wird. Und in dieser Zeit weiss ich nicht sicher, ob meine Entscheidung richtig war. Ich kann nur wissen, warum ich sie getroffen habe.

Vielleicht ist das der Moment, aus dem Haltung entsteht. Aus dem Gedanken: „Ich weiss nicht, ob das funktionieren wird. Aber ich halte diese Entscheidung für richtig und glaube daran, dass daraus etwas entstehen kann.“

Es ist etwas anderes als Selbstsicherheit. Selbstsicherheit sagt vielleicht: „Ich weiss, dass ich richtig liege.“

Haltung sagt eher: „Ich weiss nicht, ob ich richtig liege. Aber ich kann diese Unsicherheit aushalten, ohne mich selbst oder meine Entscheidung sofort aufzugeben.“
Und vielleicht bedeutet „sich selbst halten“ genau das. An dem Glauben festzuhalten, dass daraus etwas Neues entstehen kann. Etwas, das für mich oder für den anderen richtig und wichtig ist. Und gleichzeitig offen zu bleiben für den Moment, in dem ich vielleicht sagen muss: „Okay. Ich sehe, meine Entscheidung war falsch.“

Denn Haltung bedeutet für mich nicht, niemals die eigene Entscheidung zu verändern. Vielleicht bedeutet Haltung vielmehr, eine Entscheidung so lange tragen zu können, bis ich wirklich erkennen kann, ob sie trägt. Und vielleicht entsteht genau dort etwas Neues: nicht nur in der Situation, sondern auch in mir selbst. Ich lerne, dass ich mich in unsicheren Zeiten selbst halten kann.

Wann hast du dich schon einmal anders verhalten, als es deinem alten Muster entsprach und bist aus Unsicherheit wieder zurück in das etablierte Muster gegangen?

Orientierung für diesen Gedanken

Ziel

Realtität

Strategie

Wirkung