In meinem Leben habe ich viele Entscheidungen getroffen, weil man das so macht. Der Vorteil dieser Denkweise ist: Man weiss anhand von Vorbildern, dass der Weg funktioniert. Er ist nur nicht unbedingt meiner oder einer, der mir gefällt.

Das lässt sich auch auf Produkte übertragen. Einmal leitete ich einen Workshop mit einem Produktteam. Das Team überlegte, wie es sein Produkt verbessern könnte, und der Produktmanager schlug vor: Wir könnten alle Konkurrenzprodukte am Markt analysieren und das Beste aus ihnen in unser eigenes Produkt übernehmen. Ich konnte mich da nicht zurückhalten und fragte: Was wäre, wenn ihr einfach Freude an eurem Produkt habt und euch überlegt, was eure Zielgruppe braucht, damit auch sie Freude daran hat?

Die Antwort war: Dann könnten wir möglicherweise Ideen entwickeln, die mit der heutigen Technologie noch gar nicht realisierbar sind. Ich meinte: Ihr werdet ja vermutlich nicht nur eine Idee haben. Dann könnt ihr priorisieren. Vielleicht ist eine Idee heute umsetzbar, eine andere erst später.

Ich verstehe, warum die Analyse von Konkurrenzprodukten sinnvoll ist. Sie gibt Sicherheit. Wenn etwas bei einem anderen Produkt funktioniert, ist die Wahrscheinlichkeit zumindest höher, dass es auch bei mir funktionieren könnte. Aber nur weil ich die besten Ideen aus verschiedenen Produkten sammle und in mein eigenes Produkt integriere, habe ich noch lange nicht das beste Produkt. Denn all diese Ideen sind aus bestimmten Gründen entstanden. Vielleicht richten sich die Produkte an unterschiedliche Zielgruppen. Vielleicht verfolgen sie andere Ziele. Vielleicht stehen andere Werte dahinter. Vielleicht lösen sie ein anderes Problem.

Wenn ich also übernehme, was bei anderen funktioniert, übernehme ich vor allem das sichtbare Ergebnis. Ich übernehme aber nicht automatisch die Überlegungen, Entscheidungen und die Haltung, aus denen dieses Ergebnis entstanden ist. Und dann frage ich mich: Wenn ich kopiere, was bei anderen funktioniert – glaube ich dann eigentlich an das, was ich selbst mache?

Ich verstehe heute auch besser, warum mein Impuls damals nicht besonders gut ankam. Denn er verlangte etwas, das wirklich nicht leicht auszuhalten ist: Wir entwickeln etwas, woran wir glauben, ohne zu wissen, ob es funktioniert.

Die Analyse des Marktes gibt uns Sicherheit. Die Orientierung an Vorbildern gibt uns Sicherheit. Das Übernehmen dessen, was bereits funktioniert, gibt uns Sicherheit.

Eine eigene Idee tut das nicht.

Vielleicht funktioniert sie nicht. Vielleicht biegt man falsch ab. Vielleicht braucht die Technologie länger als gedacht. Vielleicht will der Markt das Produkt gar nicht.

Und trotzdem muss irgendwann jemand sagen:
Das ist es, was wir machen wollen.

Vielleicht brauchen bewusste Entscheidungen genau deshalb Unsicherheit. Denn wenn ich bereits weiss, dass etwas funktioniert, treffe ich vielleicht eine gute Entscheidung. Aber ich treffe nicht unbedingt eine eigene. Und damit auch keine, die ich sinnvoll begründen kann.

Welche Entscheidung hast du nicht getroffen, weil du die Unsicherheit nicht halten konntest?