Ich bin mit zwei alten Strategien aufgewachsen, die mich geprägt und mich aber auch begrenzt haben. Heute nutze ich sie für mich und kann damit mittlerweile mit einer gewissen Leichtigkeit auf mein Leben zurückschauen.

Die Harmoniebedürftige

Da war die Harmoniebedürftige. Grossgeworden mit der Devise: bloss nicht auffallen, bloss nicht anecken, denn sonst könnte man Ärger anziehen. Ich entwickelte daher feine Antennen, um jede Stimmung im Raum zu deuten. Und jede Stimmung hatte zwangsläufig etwas mit mir zu tun. Also versuchte ich, um Ärger zu vermeiden. Ich sprach mit Menschen, um zu beschwichtigen, zu rechtfertigen, um auszugleichen, zu beruhigen, Frieden zu halten.

Aber stell dir ein Team vor, das von so einer Person geführt wird. Sie bekommt alles mit. Aber will niemanden auf die Füsse treten. Sie muss zwangsweise ihre Kommunikation je nach Person und ihrer Interessen anpassen. Und je mehr Menschen anwesend sind, muss sie weit ausholen, erklären, um wirklich jeden abzuholen. Und damit wird jede Klarheit verwässert.

Und ja, vielleicht kommt so kein Streit auf. Aber das ist kein Erfolg. Erst spät habe ich verstanden: Wenn Menschen sich streiten, dann oft deshalb, weil ihnen das Ziel wirklich wichtig ist. Man streitet nicht über Belangloses. Man ringt miteinander, weil man dasselbe will.

Die Perfektionistin

Und da war noch die Perfektionistin. Entstanden aus dem Satz: Nur wer leistet, ist etwas wert.Ich strengte mich an, vermied Fehler, wollte alles richtig machen. Doch auch diese Seite verliert schnell den Blick für das Menschliche – bei mir selbst und damit auch bei anderen.

Während die Harmoniebedürftige auf einen reibungslosen Prozess schaut, schaut die Perfektionistin schaut aufs Ergebnis. Einfach weil es perfekt sein muss. Jedes noch so kleine Hindernis wird zum Problem. Denn es gefährdet das perfekte Ziel. Also beisst man die  Zähne zusammen, zieht durch, will es „trotz allem“ schaffen.

Und genau dieser Druck- dieses Zähnezusammenbeissen wirkt. Nicht nur auf mich selbst, sondern auf alle um mich herum. Auch wenn ich es nicht will: Mein Team spürt diesen Druck – oft unbewusst. Und ja – manchmal führt das zu Höchstleistungen. Aber wenn Druck da ist, ist keine Verbindung. Und ohne Verbindung entsteht auch keine echte Qualität.

Ich habe lernen dürfen: Gute Ergebnisse entstehen nicht am Schluss. Sie entstehen mittendrin, wenn sich Menschen verbunden fühlen mit dem, was sie tun. Wenn sie sich einbringen dürfen, Fehler machen dürfen, sich zeigen dürfen.

Angst – vor allem unausgesprochene – ist das Gegenteil von Klarheit. Alle spüren sie. Aber niemand kann sie greifen. Und so bleibt etwas diffus im Raum stehen – zwischen Menschen, zwischen Ideen, zwischen Möglichkeiten.

Und heute?

Beide Anteile haben positive Seiten. Aber wenn sie aus Angst heraus handeln, erzeugen sie Druck. Und dieser Druck wirkt – auf alle. Meist unbewusst. Denn jedes diffuse Gefühl nimmt Klarheit. Und ohne Klarheit können Menschen kein gemeinsames Ziel erreichen.

Wenn ich heute klar bin, brauche ich nicht viele Worte. Meine Botschaft hat Kraft. Sie kommt an. Und ja, manchmal fühlt das dazu, dass andere merken: Das passt gerade (noch) nicht zu mir oder zu unserem Ziel. Dann gibt es Fragen, Widerspruch, Diskussionen. Aber ich weiss: Die Harmonieherstellerin in mir kann das heute halten. Konstruktiv. Präsenzbasiert. Nicht um recht zu haben, sondern um gemeinsam die beste Lösung zu finden.

Ich spüre sofort, wenn jemand anderer Meinung ist. Früher hätte die Harmoniebedürftige geschwiegen. Heute spreche die Person direkt an. Nicht, um zu konfrontieren, sondern um noch mehr Klarheit in den Raum zu bringen.

So entsteht wahre Verbindung. Weil jede:r spürt: ich darf mich einbringen. Ich werden ernst genommen. Ich werde wert geschätzt. Und aus dieser Haltung entsteht etwas Kraftvolles: Der Druck fällt weg. Die Menschen können ihre echten, inneren Stärken zeigen. Und genau daraus entsteht – fast nebenbei – das perfekte Ergebnis.

Aber dafür muss ich zuerst meiner eignen Angst stellen.

Was also hilft, um aus dieser Angst auszusteigen?

Sich ihr zu stellen. Die Gedanken, die Strategien, der Druck – sie sind alt. Und genau das ist schon ein Teil der Lösung: Sich bewusst zu machen, dass sie alt sind. Dass sie einst vielleicht notwendig waren. Weil ich damals keine Möglichkeit hatte, mit Ärger, Streit oder Unsicherheit umzugehen.

Aber heute habe ich diese Möglichkeit. Ich kann Spannungen aushalten. Ich kann darin bleiben, präsent, klar, offen. Weil ich weiss: Wir suchen gemeinsam nach einer guten Lösung.

Und das verändert alles.

Denn Verbindung entsteht nicht durch Anpassung oder Kontrolle, sondern durch Präsenz. Und aus dieser Verbindung entsteht das beste Ergebnis.

Fazit

Die Harmonieliebende wie auch die Perfektionistin – beides sind wertvolle Anteile. Aber wenn sie aus Angst handeln, arbeiten sie gegen mich und oft auch gegen andere.

Wenn ich der Angst aber begegne, entsteht etwas Neues: wahre Verbindung.

Und aus dieser Verbindung entsteht nicht nur Beziehung, sondern auch Qualität. Eine Liebe zum Detail, die nicht aus Druck kommt,
sondern aus echter Hingabe. Und genau daraus entsteht das wirklich Perfekte.