Über viele Jahre durfte ich Unternehmen dabei begleiten, ihre Prozesse gemeinsam zu verstehen und zu modellieren. Dabei ist mir immer wieder eine Aussage begegnet: „Wir haben jetzt über 500 Prozessmodelle.“
Ich habe mich dann oft gefragt: Und was bedeutet das?
Eigentlich erst einmal gar nichts. Ein Prozessmodell verändert keine Zusammenarbeit, verbessert keine Qualität, macht keine Kunden zufriedener, macht auch keine Mitarbeitenden kompetenter.
Es existiert einfach. Wie ein Buch im Regal.
Vielleicht erscheint diese Aussage provokant.
Natürlich können Prozessmodelle hilfreich sein. Aber nur dann, wenn Menschen sie lesen, darüber sprechen, sie hinterfragen, ergänzen, gemeinsam verstehen und schliesslich ihr Handeln verändern.
Nicht das Modell verändert die Organisation. Menschen tun es.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mich Prozessmodelle nie wirklich interessiert haben. Mich interessierten immer die Gespräche, die davor stattfanden. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammensassen.
Wenn plötzlich jemand sagte: „Moment, ich dachte, das macht ihr.“
Oder: „Ach deshalb braucht ihr diese Information.“
Oder: „Jetzt verstehe ich endlich, warum dieser Schritt wichtig ist.“
Für mich entstand genau dort der eigentliche Wert: im gemeinsamen Verständnis.
Das Prozessmodell war anschliessend lediglich die sichtbare Spur dieses Gesprächs.
Vielleicht gilt das nicht nur für Prozessmodelle. Vielleicht gilt das für viele Dinge, die wir in Organisationen entwickeln. Strategien, Leitbilder, Methoden, OKRs, Dokumentationen, sogar KI. Sie alle sind zunächst einmal Artefakte. Sie verändern nichts. Erst wenn sie einen Denkraum eröffnen, in dem Menschen ihr eigenes Verständnis klären, beginnt Veränderung.
Vielleicht sollten wir deshalb seltener fragen: „Haben wir ein Prozessmodell?“
Und häufiger: „Welches gemeinsame Verständnis ist beim Erarbeiten dieses Prozessmodells entstanden?“
Denn möglicherweise war genau das das eigentliche Ergebnis.
Das Diagramm war nur die Dokumentation eines gemeinsamen Verständnisses. Doch mit jeder neuen Erfahrung verändert sich unsere Wirklichkeit und oft auch unser Handeln. Vieles davon geschieht unbemerkt. Neues Wissen wird selbstverständlich, Entscheidungen werden intuitiver, Gewohnheiten entstehen. Dieses Wissen bleibt zunächst implizit. Irgendwann ist so viel gemeinsames Erfahrungswissen entstanden, dass es sich lohnt, erneut zusammenzukommen. Nicht, um ein Prozessmodell zu aktualisieren, sondern um das implizit Gewordene wieder explizit zu machen und ein neues gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Das Prozessmodell dokumentiert dann lediglich den aktuellen Stand dieses gemeinsamen Lernprozesses.
Welches Artefakt in deinem Arbeitsalltag hältst du für das Ergebnis, obwohl es vielleicht nur die sichtbare Spur eines gemeinsamen Lernprozesses ist?


