In den letzten Jahren wird viel über Intuition gesprochen. Wir hören Sätze wie: „Vertraue deinem Bauchgefühl“ oder „Dein Körper weiss, was richtig ist.“
Ich sehe das etwas anders. Für mich ist Intuition kein Entscheidungsinstrument. Sie ist ein Warnsystem – eine Form der Wahrnehmung, ähnlich wie Sehen oder Hören. Sie macht mich auf etwas aufmerksam. Mehr nicht.
Vor vielen Jahren hätte ich das noch nicht so beschrieben. Damals nahm ich zwar wahr, dass sich manche Situationen nicht stimmig anfühlten, und entschied daraufhin. Besonders deutlich wurde mir das in einem Projekt, das sich für mich schon lange nicht mehr tragfähig anfühlte. Mein Körper reagierte zunehmend mit Erschöpfung. Als ich es ansprach, bekam ich die Antwort: „Frau Wolff, dann nehmen Sie doch Tabletten.“Ich reagierte prompt, fühlte mich verletzt, und kündigte kurze Zeit später.
Damals dachte ich noch, meine Intuition hätte mich vor der falschen Entscheidung bewahrt. Ich sehe das etwas anders. Sie hat mich nicht vor einer Entscheidung bewahrt. Sie hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, das ich damals noch nicht benennen konnte.
Für mich ist Intuition kein Entscheidungsinstrument. Sie ist ein Warnsystem – eine Form der Wahrnehmung, ähnlich wie Sehen oder Hören. Sie macht mich auf etwas aufmerksam. Mehr nicht.
Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.
Denn Intuition entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird von unseren Erfahrungen geprägt. Von dem, was wir erlebt haben. Von Situationen, die wir als sicher oder bedrohlich abgespeichert haben. Deshalb kann sie uns vor echten Risiken warnen. Sie kann uns aber genauso vor etwas Neuem warnen – nicht weil es falsch ist, sondern weil es unbekannt ist. Würde ich meiner Intuition deshalb immer blind folgen, würde ich vermutlich viele neue Erfahrungen gar nicht erst machen.
- 1Was nehme ich wahr?
Meine Intuition ist für mich ein Warnsystem. Sie sagt nicht: Das ist falsch. Sie sagt nur: Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Mein erster Gedanke ist deshalb meist: „Ah, das ist spannend.“ - 2Welche Hypothese entsteht daraus?
Ich frage mich, was hinter diesem Gefühl liegen könnte. Vielleicht gibt es einen Widerspruch zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gelebt wird. Vielleicht bleiben Erwartungen unausgesprochen. Vielleicht interpretiere ich die Situation aber auch falsch.Es ist zunächst nur eine Vermutung.
- 3Was möchte ich erkunden?
Ich beobachte. Ich stelle Fragen. Ich höre unterschiedlichen Perspektiven zu. Ich spreche mit Kolleginnen, Kollegen oder Sparringspartnern.Und ich versuche ganz bewusst, Hinweise zu finden, die meiner eigenen Hypothese widersprechen. Gerade das hilft mir, meine eigenen Muster und blinden Flecken zu erkennen.
- 4Wie überprüfe ich meine Hypothese?
Jetzt überprüfe ich meine Hypothese bewusst. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum einen handle ich bewusst gegen ein beobachtetes Muster und analysiere die Reaktion. Zum anderen nutze ich künstliche Intelligenz, damit sie mir hilft, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Gedanken zu ordnen und meine Hypothese zu überprüfen.Am Ende bestätigt sie sich manchmal, manchmal verändert sie sich und manchmal muss ich sie vollständig verwerfen.
- 5Welche Entscheidungsgrundlagen ergeben sich daraus?
Nicht auf der Grundlage meiner Intuition, sondern auf der Grundlage dessen, was ich durch Wahrnehmung, Erkundung und Analyse verstanden habe. Erst daraus entstehen für mich tragfähige Entscheidungsgrundlagen.
Intuition und Analyse sind für mich deshalb keine Gegensätze. Die Intuition zeigt mir, wo ich genauer hinschauen sollte und die Analyse hilft mir zu verstehen, warum. Erst aus beidem entstehen für mich tragfähige Entscheidungsgrundlagen.
Welche Fragen stellt dir deine Intuition, bevor du entscheidest?

