Wir sprechen über Transformation, neue Technologien und Innovationen. Wir entwickeln neue Prozesse, führen neue Rollen ein und probieren neue Werkzeuge aus.

Und trotzdem bleibt die erhoffte Wirkung oft aus.

Vielleicht nicht, weil Menschen keine Veränderung wollen oder können, sondern weil wir Veränderung häufig als Hinzufügen verstehen.

Vor vielen Jahren machte ich die ersten zaghaften Schritte auf meinem Weg der persönlichen Entwicklung. Ich wollte verstehen, wie Veränderung gelingt. Also las ich Bücher, arbeitete mit Coaches und lernte neue Methoden kennen. Immer wieder begegneten mir Empfehlungen wie: Diese fünf Routinen erleichtern dein Leben. Oder: Mit dieser Methode gelingt Veränderung leichter.

Also probierte ich aus. Wenn etwas nicht die erhoffte Wirkung hatte, kam das Nächste dazu.

Rückblickend erkenne ich, dass ich Entwicklung lange mit dem Hinzufügen von Neuem verbunden habe. Irgendwann war ich davon so erschöpft, dass ich deutliche Burnout-Symptome entwickelte. Nicht weil die Methoden schlecht waren, sondern weil ich etwas Wesentliches übersehen hatte: Veränderung bedeutet nicht nur, Neues aufzunehmen. Sie bedeutet vor allem auch, Altes bewusst loszulassen.

Es ist ein wenig wie mit einem Wohnzimmer. Anfangs fehlt vielleicht etwas. Also stellen wir ein neues Möbelstück hinein. Dann noch eine Pflanze. Noch eine Lampe. Vielleicht ein weiteres Regal. Jedes einzelne Stück passt für sich. Doch irgendwann wirkt der Raum nicht gemütlicher, sondern voller. Nicht weil die neuen Dinge schlecht sind, sondern weil wir vergessen haben, Platz zu schaffen.

In Organisationen beobachte ich oft etwas Ähnliches. Wir möchten uns verändern und führen neue Prozesse, neue Rollen, neue Tools oder zusätzliche Meetings ein. Der Rucksack wird schwerer.

Kaum jemand fragt:
Was legen wir bewusst ab?

Dabei ist genau das oft der schwierigste Teil. Nicht weil Menschen Veränderung ablehnen, sondern weil sie etwas Vertrautes loslassen sollen. Etwas, das ihnen bisher Orientierung und Halt gegeben hat. Das Neue kann diesen Halt am Anfang noch nicht übernehmen. Genau in diesem Zwischenraum entsteht Unsicherheit. Die Versuchung ist gross, wieder zum Vertrauten zurückzukehren – nicht weil es besser ist, sondern weil es sich sicher anfühlt.

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit dem Hinzufügen von Neuem, sondern mit der gemeinsamen Klärung, was wir nicht mehr brauchen. Damit Neues überhaupt Raum bekommen kann. Und gleichzeitig mit der Frage, welche Orientierung uns hilft, das Vertraute loszulassen, bis das Neue selbst zum Halt werden kann.