Ich habe Konflikte früher eher vermieden. Ich war sehr angepasst und für mich war es ein komisches Gefühl, wenn mich jemand nicht mochte. Eigentlich war es sogar mein Ziel, dass mich die Menschen mögen. Also bin ich ausgewichen, habe vielleicht sogar Menschen auf irgendeine Art beeinflusst, damit sie den Konflikt mit mir gar nicht erst haben mussten.
Heute sehe ich das völlig anders.
Einmal meinte eine Kundin zu mir, als in einem Projekt ein Konflikt auftrat, sie habe mich schliesslich eingestellt, um genau solche Konflikte zu vermeiden. Ich habe ihr gesagt, dass Konflikte für mich zunächst einmal ein Zeichen sind. Und zwar erst einmal ein positives: Da kämpfen Menschen um etwas. Ihnen ist etwas wichtig.
Natürlich sind Konflikte nicht automatisch gut. Sie können destruktiv sein, verletzen oder eskalieren. Aber bevor ich einen Konflikt lösen oder vermeiden möchte, interessiert mich heute etwas anderes: Was wird hier gerade sichtbar?
Denn wenn ich das anschaue, können Dinge geklärt werden. Vielleicht haben zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was richtig ist. Vielleicht sehen sie die Realität unterschiedlich. Vielleicht stehen unterschiedliche Werte dahinter. Vielleicht wollen beide dasselbe erreichen, aber auf völlig unterschiedlichen Wegen.
Und vielleicht braucht es dann gar nicht viel. Vielleicht braucht es jemanden, der beide Positionen wirklich anhört und anschliessend eine Entscheidung trifft – abhängig davon, was für das Unternehmen wichtig ist, welche Werte es vertritt, welche Vision es verfolgt oder welche Wirkung es erreichen möchte.
Ich frage mich deshalb manchmal: Was ist mit Unternehmen, die sichtbar keine Konflikte haben? Ist dort wirklich alles geklärt? Sind sich alle einig? Oder haben die Menschen irgendwann gelernt, dass es einfacher ist, nichts mehr zu sagen? Dass es besser ist, sich anzupassen? Vielleicht haben sie aufgehört, für etwas zu kämpfen.
Ich weiss, wie unangenehm es sich anfühlt, wenn man nicht daran gewöhnt ist, in Konflikte zu gehen. Wenn man nicht geübt darin ist, die Unsicherheit auszuhalten. Man weiss nicht, wohin sich der Konflikt entwickeln wird. Man weiss nicht, wann er sich auflösen wird. Und manchmal weiss man nicht einmal, ob man selbst gerade etwas falsch gemacht hat. Es ist sehr verlockend, diese Unsicherheit möglichst schnell wieder loszuwerden: den Konflikt zu entschärfen, nachzugeben, einen Kompromiss zu suchen oder einfach zu hoffen, dass er sich irgendwann von selbst erledigt.
Aber ein Konflikt ist nicht weg, nur weil wir ihn nicht mehr anschauen. Was brodelt, bleibt nicht einfach verschwunden. Es kommt wieder. Vielleicht später, vielleicht an einer anderen Stelle und vielleicht sogar heftiger. Vielleicht zeigt es sich irgendwann darin, dass Mitarbeitende kündigen, weil sie das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Und vielleicht ist genau das die Schwierigkeit: Wir sehen dann die Kündigung, die innere Kündigung oder die fehlende Beteiligung, aber nicht mehr den Konflikt, der vielleicht einmal davor sichtbar war.
Heute frage ich deshalb bei einem Konflikt nicht mehr zuerst: „Wie bekommen wir das wieder weg?“, sondern:
Was können wir daraus verstehen? Wofür kämpfen die Menschen gerade? Was ist ihnen wichtig?
Denn vielleicht zeigt uns ein Konflikt genau das, was in einer Organisation sonst unsichtbar bleibt. Vielleicht ist ein Konflikt deshalb manchmal gar kein Zeichen dafür, dass etwas nicht funktioniert. Vielleicht ist er ein Zeichen dafür, dass Menschen noch etwas wichtig ist. Vielleicht zeigt er uns, dass wir noch nicht geklärt haben, woran wir gemeinsam entscheiden wollen. Vielleicht braucht dieser Konflikt nicht sofort eine Lösung, sondern zunächst jemanden, der ihn ernst nimmt und versteht, worum hier eigentlich gerungen wird.
Was könnte ein Konflikt dir gerade zeigen?

