Aus meinem Gedanken aus dem letzten Artikel heraus ist mir etwas aufgefallen. Es gibt uns Sicherheit, wenn wir anderen folgen, wenn wir das Wissen anderer nutzen können. Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir heute versuchen, immer mehr Wissen verfügbar zu machen.
Wir sammeln Wissen, dokumentieren Wissen, bauen Datenbanken, schreiben Best Practices und versuchen, Erfahrungen so festzuhalten, dass andere darauf zurückgreifen können. Und jetzt bauen wir Systeme, die auf riesige Mengen dieses Wissens zugreifen und daraus in Sekunden Antworten erzeugen können. Vielleicht tun wir das, weil Wissen uns Sicherheit gibt.
Wenn ich weiss, wie andere ein Problem gelöst haben, muss ich nicht bei null anfangen. Wenn ich die Erfahrungen vieler Menschen kenne, kann ich bessere Entscheidungen treffen. Wenn ich auf die Erkenntnisse anderer zurückgreifen kann, wird die Unsicherheit kleiner.
Das ist unglaublich wertvoll. Und vielleicht ist genau deshalb KI so faszinierend.
Ich kann fragen: Was haben andere gemacht? Was funktioniert? Was sind die besten Ansätze? Welche Lösung ist wahrscheinlich erfolgreich? Was übersehe ich?
Ich kann mir in Sekunden Wissen zugänglich machen, für das ich früher Stunden oder Tage gebraucht hätte.
Aber dann bleibt eine Frage, die mir keine Wissenssammlung und vielleicht auch keine KI abnehmen kann: Was will ICH tun?
Denn Wissen kann mir zeigen, was bereits gedacht, ausprobiert und entschieden wurde. Es kann mir helfen, Muster zu erkennen, Möglichkeiten zu verstehen und Risiken einzuschätzen. Aber irgendwann muss ich entscheiden.
Und vielleicht liegt genau dort der Unterschied zwischen Wissen und Haltung. Denn wenn ich nur übernehme, was bereits funktioniert hat, kann ich sehr gut werden im Folgen. Ich kann Entscheidungen absichern, Risiken minimieren und erfolgreiche Muster reproduzieren. Aber wenn ich etwas Eigenes schaffen möchte, muss ich irgendwann einen Schritt machen, für den es noch keine Gewissheit gibt.
Vielleicht ist das sogar eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Je mehr Wissen uns zur Verfügung steht, desto leichter können wir Entscheidungen absichern und desto wichtiger wird die Fähigkeit, trotzdem eine eigene Entscheidung zu treffen und Unsicherheit zu tragen.
Denn irgendwann reicht die Frage „Was wissen wir?“ nicht mehr. Dann müssen wir fragen: „Was entscheiden wir?“
Und vielleicht wird diese Frage sogar wichtiger, je besser KI darin wird, uns Wissen zur Verfügung zu stellen.
Denn eine KI kann mir helfen herauszufinden, was andere gedacht haben. Sie kann mir Möglichkeiten aufzeigen, Zusammenhänge erklären, Argumente prüfen und mich auf Dinge aufmerksam machen, die ich selbst vielleicht übersehen hätte.
Aber sie kann mir nicht abnehmen, wofür ich stehen möchte. Sie kann mir vielleicht sagen, was wahrscheinlich funktioniert. Und auch das bleibt begrenzt auf die Muster, die sie kennt.
Wenn ich etwas Neues versuchen möchte, muss ich irgendwann sagen können: „Ich weiss nicht, ob das funktionieren wird. Aber ich weiss, warum wir es versuchen wollen.“
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht weniger Wissen, wenn KI immer mehr davon verfügbar macht. Vielleicht brauchen wir mehr Haltung.
Wann hast du eine Lösung von KI oder von anderen Menschen übernommen, weil du Angst vor deiner eigenen Idee hattest?

