Wir treffen ständig Annahmen darüber, was andere Menschen wollen. Oft merken wir gar nicht, dass es Annahmen sind. Wir halten sie für selbstverständlich: Menschen wollen gute Arbeit leisten. Teams wollen gemeinsam etwas erreichen. Mitarbeitende wollen Verantwortung übernehmen. Menschen wollen sich entwickeln.
Und solange diese Annahmen zu unserer Erfahrung passen, müssen wir sie auch nicht hinterfragen.
Ich hatte eine solche Annahme. Eine sehr starke.
Ich bin lange mit einer Grundannahme durch mein Berufsleben gegangen: Teams und Organisationen wollen ein WIR. Nicht unbedingt von Anfang an. Aber irgendwo unter Konflikten, unterschiedlichen Interessen und Missverständnissen gibt es doch den Wunsch, gemeinsam etwas zu gestalten.
Ich liebe dieses WIR. Wenn Menschen beginnen, gemeinsam zu denken, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und aus vielen Einzelnen etwas entsteht, das keiner allein hätte schaffen können. Also habe ich genau das immer wieder versucht. Ich habe Probleme angesprochen, Muster sichtbar gemacht, Fragen gestellt, irritiert, Workshops gestaltet und Prozesse verändert. Wenn etwas nicht funktioniert hat, habe ich mich gefragt, was fehlt, damit gemeinsames Handeln möglich wird. Und wenn es Irritationen gab, dachte ich oft: Da ist etwas Interessantes. Hier müssen wir noch genauer hinschauen.
Heute, mit 47 Jahren, stelle ich mir eine ziemlich unbequeme Frage: Was, wenn das meine Grundannahme war? Was, wenn nicht alle Menschen in einer Organisation ein WIR wollen? Was, wenn ich 25 Jahre lang versucht habe, etwas entstehen zu lassen, das ich für selbstverständlich hielt, andere aber gar nicht wollten?
Das verändert erstaunlich viel. Plötzlich bekommen auch manche Erfahrungen eine andere Bedeutung. Vielleicht waren die Irritationen, die ich ausgelöst habe, nicht immer Hinweise darauf, dass ich noch genauer hinschauen sollte. Vielleicht waren sie manchmal schlicht Hinweise darauf, dass meine Denkweise nicht zur Organisation passte. Denn wer möchte schon gern ungewollt hören, dass die Strukturen oder Verhaltensmuster, in denen man seit Jahren arbeitet, vielleicht nicht funktionieren?
Vielleicht war meine Irritation für andere nicht der Beginn einer interessanten Suche, sondern schlicht eine Infragestellung dessen, was für sie funktioniert hat.
Das ist beunruhigend. Aber gleichzeitig fühlt es sich erstaunlich befreiend an. Ich muss nicht mehr jedes System dazu bringen, ein WIR zu entwickeln. Ich darf zuerst fragen: Wollen wir ein WIR? Wollen wir dasselbe? Und verstehen wir unter WIR überhaupt das Gleiche?
Und wenn nicht, ist das vielleicht auch eine Antwort.
Ich sehe meine Kämpfernatur noch immer. Ich sehe den starken Willen, Dinge möglich zu machen, und die Fähigkeit, lange dranzubleiben. Aber wenn ich diesen Willen bisher oft dafür eingesetzt habe, ein WIR dort entstehen zu lassen, wo es vielleicht gar nicht gewollt war, frage ich mich gerade etwas anderes: Was könnte ich bewirken, wenn ich auf ein Team oder eine Organisation treffe, die genau das will?
Vielleicht ist Entwicklung manchmal nicht, noch einen besseren Weg zu finden, damit etwas gemeinsam entsteht. Vielleicht ist Entwicklung manchmal auch die Erkenntnis, dass wir gar nicht dasselbe wollen. Und dann zu erkennen, die Welt geht nicht unter. Sie wird nur ein bisschen anders.
Was glaubst du ganz tief in dir, was möglicherweise nicht auf alle zutrifft?

