Ich habe lange geglaubt, dass es sinnvoll ist, von anderen zu lernen. Und das glaube ich immer noch. Wenn jemand etwas erfolgreich gemacht hat, warum sollte ich nicht hinschauen? Warum sollte ich nicht verstehen wollen, was funktioniert?

Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass darin auch eine Grenze liegt. Denn wenn ich immer das übernehme, was andere bereits erfolgreich gemacht haben, bewege ich mich auf einem Weg, den jemand anderes bereits gegangen ist. Ich kann damit gute Entscheidungen treffen. Ich kann mich orientieren. Ich kann vielleicht sogar sehr erfolgreich damit sein.

Aber ich führe damit nicht, sondern ich folge – immer.

Das ist mir heute bei vielen Dingen aufgefallen. Bei Produkten, die die besten Ideen der Konkurrenz übernehmen. Bei Unternehmen, die das tun, was am Markt funktioniert. Bei Menschen, die sich an Vorbildern orientieren.

Und vielleicht auch bei Führung. Denn Führung bedeutet für mich zunehmend, eine Entscheidung zu treffen, für die es noch kein fertiges Vorbild gibt.

Natürlich kann ich analysieren, was andere machen. Ich kann Erfahrungen nutzen, Risiken einschätzen und von Menschen lernen, die vor mir einen ähnlichen Weg gegangen sind. Das alles ist sinnvoll.

Aber irgendwann kommt der Moment, an dem ich entscheiden muss: Machen wir es genauso oder machen wir es anders?

Und jetzt kommt die Angst. Denn wenn ich mich für das Andere entscheide, weiss ich nicht mehr sicher, ob es funktionieren wird. Gleichzeitig spüre ich die Verantwortung, die diese Entscheidung von mir verlangen könnte. Genau dort beginnt Unsicherheit.

Vielleicht ist das der Grund, warum Nachahmung so verführerisch ist. Sie gibt uns Sicherheit. Wenn es bei jemand anderem funktioniert hat, können wir uns zumindest einreden, dass die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass es auch bei uns funktioniert.

Eine eigene Entscheidung gibt uns diese Sicherheit nicht. Vielleicht ist sie falsch. Vielleicht ist der Markt noch nicht bereit. Vielleicht verstehen andere zunächst gar nicht, was wir vorhaben. Vielleicht werden wir kritisiert. Vielleicht funktioniert etwas nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben.

Und trotzdem muss jemand entscheiden. Vielleicht bedeutet Führung genau das: Unsicherheit zu tragen und trotzdem eine Richtung zu wählen.

Nicht, weil ich weiss, dass mein Weg der richtige ist, sondern weil ich eine Haltung habe, aus der heraus ich mich für diesen Weg entscheiden kann. Dann wird Führung etwas anderes als das Reproduzieren erfolgreicher Muster. Ich entscheide mich bewusst trotz Unsicherheit, weil ich an den Weg glaube. Wissen kann ich es erst, wenn ich ihn gegangen bin.

Vielleicht bedeutet Führung deshalb auch, irgendwann sagen zu können: „Ich weiss nicht, ob das funktionieren wird. Aber ich weiss, warum wir es versuchen wollen.“

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die einfach funktioniert, und einer Entscheidung, die wirklich etwas Eigenes entstehen lässt. Ich glaube inzwischen, dass wir Unsicherheit nicht loswerden, wenn wir führen wollen. Wir müssen lernen, sie zu tragen.

Wo folgst du noch einem Weg, obwohl du eigentlich spürst, dass du einen eigenen gehen möchtest?

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