Manchmal ist es nicht das Hindernis, das uns erschöpft, sondern die Gewohnheit, uns durchzubeissen.
Wir kämpfen. Wir halten durch. Wir ziehen etwas durch und irgendwann fühlt es sich nicht mehr lebendig an, sondern nur noch zäh.
Leer. Anstrengend. Eng.
Viele merken es zuerst nicht im Kopf, sondern im Körper.
Wenn der Körper früher weiss als wir
Bei mir zeigt es sich im Kiefer. Dieses unmerkliche Zusammenpressen der Zähne, wenn ich mich durch etwas hindurch zwinge. So lange, bis es nicht mehr unmerklich ist bis sich Spannung festsetzt. Ein Knubbel entsteht und der Körper fängt an zu sprechen.
Der Kiefer ist ehrlich. Er unterscheidet nicht zwischen „wichtig“ und „erwartet“. Er reagiert nur auf Druck.
Und irgendwann wurde mir klar: Ich kämpfe nicht nur gelegentlich. Ich habe das Kämpfen gelernt.
Kämpfen als alte Strategie
Ich habe lange Ziele verfolgt, die nicht wirklich meine waren. Ich habe Erwartungen erfüllt, Wege durchgezogen, Entscheidungen getragen, in der Hoffnung, am Ende etwas zu spüren: Anerkennung. Bestätigung. Dankbarkeit. Gesehen werden.
Also habe ich gebissen. Nicht einmal bewusst. Es war einfach normal.
Und genau da liegt die Gefahr: Wenn Kämpfen zur Gewohnheit wird, hinterfragen wir es nicht mehr. Dann fühlt sich Durchhalten wie Stärke an und Loslassen wie Versagen.
Loslassen ist keine Kapitulation
Loslassen heisst nicht, alles hinzuschmeissen. Es heisst auch nicht, aufzugeben. Oft heisst es nur: ehrlich hinzuschauen.
- Kämpfe ich gerade für etwas, das mir wirklich entspricht?
- Oder halte ich fest, weil ich es immer so gemacht habe?
- Weil andere es erwarten?
- Weil ich nicht weiss, wer ich ohne diesen Kampf wäre?
Manchmal wird ein Ziel leichter, wenn wir es neu ausrichten. Und manchmal zeigt sich: Es war nie unser Ziel, sondern nur ein alter Auftrag.
Zum Schluss
Ich spüre diese Spannung heute noch. Aber ich erkenne sie früher. Der Kiefer ist für mich zu einem Signal geworden. Hier hält etwas fest, das überprüft werden will.
Und jedes Mal, wenn ich loslasse – innerlich –, lassen auch die Zähne ein Stück nach.
Kämpfen ist nicht falsch. Aber dauerhaftes Kämpfen kostet uns Verbindung – zu uns selbst.
Loslassen bedeutet manchmal nicht, den Weg zu verlassen, sondern ihn endlich auf die eigene Weise zu gehen.
Mit weniger Druck. Mit mehr Raum.
Und mit einem Körper, der nicht mehr alles abfangen muss, was wir uns selbst nicht zugestehen.


