„Kannst du mal kurz…?“
„Könntest du mal eben…?“
Diese Sätze klingen höflich. Harmlos. Freundlich. Und genau deshalb sind sie so wirkungsvoll.
Früher habe ich fast immer Ja gesagt. Ich fühlte mich gefragt, einbezogen, gebraucht. Hilfsbereit sein wollte ich. Niemanden enttäuschen. Und ehrlich gesagt: Ich mochte das Gefühl, gebraucht zu werden.
Heute antworte ich anders.
„Kurz“ ist selten kurz
Was ich gelernt habe: „Mal eben“ ist fast nie eben. Und „kurz“ ist selten kurz.
Jede Bitte kostet Zeit. Aufmerksamkeit. Energie.
Zeit, die jemand gibt.
Zeit, die jemand anders nicht mehr hat.
Wenn wir so tun, als wäre diese Zeit nebensächlich, wertschätzen wir sie nicht wirklich. Nicht die Zeit der anderen und oft auch nicht die eigene.
Wenn Bitten unscharf werden
Ich erlebe immer wieder Anfragen, bei denen weder klar ist,
- welche Rolle ich einnehmen soll
- welchen Kontext es gibt
- noch, was mit meinem Beitrag eigentlich geschehen soll
Dann wird aus einer Bitte ein stiller Auftrag. Und aus Höflichkeit eine Erwartung.
Heute sage ich in solchen Momenten Nein. Nicht aus Härte, sondern aus Klarheit. Und wenn ich Ja sage, dann bewusst.
Mit Zeit. Mit Fokus. Mit Verantwortung.
Wenn ich trotzdem Ja sage
Manchmal sage ich trotzdem Ja. Weil ich jemanden mag. Weil es sich im Moment stimmig anfühlt.
Und wenn danach nichts kommt kein Echo, keine Rückmeldung, kein „Das hat mir geholfen“, dann spüre ich manchmal Wut.
Aber ich weiss heute: Diese Wut richtet sich nicht gegen die andere Person. Sie richtet sich gegen mich. Weil ich meine Zeit gegeben habe, ohne ihren Wert klar zu benennen.
Klarheit ist ehrlicher als Höflichkeit
Heute frage ich mich bei jeder Bitte nur noch wenige Dinge:
- Will ich das wirklich?
- Was kostet es mich – ehrlich?
- Und sage ich Ja aus Freiheit oder aus Pflichtgefühl?
Und wenn ich selbst um etwas bitte, sage ich nicht mehr: „Kannst du mal kurz…“
Sondern: „Ich habe eine Bitte. Ich weiss, dass sie Zeit braucht. Hast du Raum dafür?“
Höflichkeit ist nicht Ehrlichkeit
„Kannst du mal eben…“ klingt nett. Aber oft ist es ein unausgesprochener Tausch: Zeit gegen Anerkennung. Verfügbarkeit gegen Harmonie.
Ich glaube heute: Gute Beziehungen, ob beruflich oder privat, entstehen nicht durch ständige Bereitschaft, sondern durch gegenseitige Achtung von Zeit, Energie und Grenzen. Und genau da beginnt für mich echte Wirkung: In der Klarheit, die sagt:
„Ich sehe dich.
Und ich sehe mich auch.“


