Früher habe ich auf Sätze wie „Kannst du mal kurz …?“ fast immer mit Ja geantwortet.

Ich fühlte mich gebraucht, wollte helfen und niemanden enttäuschen. Dass aus dem kurzen Gefallen manchmal Stunden wurden, fiel mir oft erst später auf.

Heute höre ich solche Bitten anders. Nicht, weil ich misstrauischer geworden bin, sondern weil ich gelernt habe, dass Zeit und Aufmerksamkeit nicht selbstverständlich sind.

Wenn jemand sagt: „Kannst du mal kurz …?“, frage ich: Wie viel Zeit wird es brauchen? Welche Rolle soll ich übernehmen? Was wird mit meinem Beitrag geschehen?

Nicht, weil ich weniger helfen möchte, sondern weil ich bewusster entscheiden möchte, wozu ich eigentlich Ja sage. Ich habe gelernt, Anfragen abzulehnen, bei denen ich keinen wirklichen Mehrwert schaffen kann. Wenn ich heute Ja sage, dann möglichst mit der Zeit, Aufmerksamkeit und Überzeugung, die es dafür braucht.

Mir ist dabei noch etwas anderes aufgefallen. Immer dann, wenn ich Ja sagte, obwohl ich innerlich gezögert hatte, entstand später oft Ärger. Lange dachte ich, dieser Ärger richte sich gegen die andere Person.

Heute sehe ich das anders. Zumindest bei mir war er häufig ein Hinweis darauf, dass ich selbst keine bewusste Entscheidung getroffen hatte. Dass ich zugesagt hatte, bevor ich überhaupt wusste, ob ich wirklich Ja sagen wollte.

Das bedeutet nicht, dass jedes Zögern ein Nein sein muss. Vielleicht fehlen mir Informationen. Vielleicht möchte ein Teil von mir helfen, während ein anderer gerade eine Grenze wahrnimmt. Vielleicht ist mir die Beziehung wichtig. Oder ich entscheide mich ganz bewusst dafür, etwas zu tun, obwohl es mich Zeit oder Energie kostet.

Entscheidend ist für mich heute weniger, ob am Ende ein Ja oder ein Nein steht. Mich interessiert, auf welcher Grundlage ich diese Entscheidung treffe und ob ich bereit bin, die Konsequenzen meines Ja oder Nein zu tragen.

Vielleicht ist Klarheit deshalb gar nicht das Gegenteil von Höflichkeit. Vielleicht ist sie eine Form von Respekt – gegenüber anderen und auch gegenüber mir selbst.

Was brauchst du, um aus einem „Kannst du mal kurz …?“ ein bewusstes Ja oder Nein zu machen?

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