Nach einem schwerwiegenden Bug in einem Projekt lud ich alle Beteiligten zu einem Lessons Learned ein.
Noch bevor wir richtig begonnen hatten, sagte jemand: „Es ist doch klar, dass dein Mitarbeiter schuld ist.“

Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Stimmung verändert. Es ging nicht mehr darum zu verstehen, was passiert war. Plötzlich wurde erklärt, verteidigt und gerechtfertigt.

Ich unterbrach die Diskussion und sagte: „Ich bin schuld.“

Die Wirkung war unmittelbar. Der Druck fiel spürbar ab, das Gespräch wurde ruhiger und wir konnten gemeinsam auf den Vorfall schauen. Lange war ich stolz auf diesen Moment. Ich hatte den Raum beruhigt und das Gespräch wieder möglich gemacht.

Heute sehe ich ihn anders.

Ich hatte die Logik der Schuldzuweisung nicht infrage gestellt, sondern lediglich die Schuld auf mich genommen. Für diesen Moment war das hilfreich. Doch die eigentliche Frage im Raum blieb dieselbe: Wer ist schuld?

Heute würde mich zunächst etwas anderes interessieren: Was war eigentlich passiert? Welche Entscheidungen hatten dazu beigetragen? Welche Informationen waren zu welchem Zeitpunkt verfügbar? Welche Annahmen hatten unser Handeln geprägt? Und welche Bedingungen hatten möglicherweise dazu beigetragen, dass bestimmte Entscheidungen überhaupt sinnvoll erschienen?

Das bedeutet für mich nicht, Verantwortung aufzulösen. Menschen treffen Entscheidungen und tragen Verantwortung für ihr Handeln. Aber Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe.

Wenn wir nach einem Fehler sehr schnell nach einem Schuldigen suchen, verändert das möglicherweise auch, was wir über die Situation noch erfahren können. Menschen beginnen, sich zu erklären oder ihre Entscheidungen zu verteidigen. Vielleicht werden Beobachtungen nicht mehr ausgesprochen oder andere Perspektiven gar nicht erst eingebracht. Aus der gemeinsamen Frage, was passiert ist, wird dann schnell die Frage, wer etwas hätte anders machen müssen.

Seitdem frage ich mich bei Lessons Learned deshalb nicht nur, welche Methode oder welchen Prozess wir verwenden. Mich interessiert auch, unter welchen Bedingungen dieses Gespräch stattfindet. Können unterschiedliche Wahrnehmungen nebeneinanderstehen? Können wir Entscheidungen in dem Kontext betrachten, in dem sie getroffen wurden, statt nur mit dem Wissen von heute? Und können wir Verantwortung betrachten, ohne bereits zu wissen, wo die Schuld liegt?

Denn vielleicht entscheidet sich nicht allein an der Methode, ob aus einem Fehler tatsächlich Lernen entstehen kann. Vielleicht entscheidet es sich auch daran, wie offen wir noch dafür sind, unsere bisherigen Erklärungen infrage zu stellen.

Was möchtest du nach einem Fehler zuerst verstehen?

Weitere Gedanken zu diesem Thema

  • Wenn Implizites explizit wird, kann Veränderung entstehen

    Prozessmodelle dokumentieren mehr als Abläufe. Wie gemeinsames Arbeiten unterschiedliche Vorstellungen sichtbar machen und neues Verständnis ermöglichen kann.

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