Ich dachte lange, ich höre gut zu. Mehr noch: Ich erwartete von anderen, dass sie mir besser zuhören.

Bis mir irgendwann auffiel: Ich habe oft gar nicht zugehört. Ich habe interpretiert. Ich habe aus einem Wort, einer Geste, einem Tonfall ein Bild gemacht und dieses Bild für Wahrheit gehalten. Was ich gehört habe, war nicht der Mensch vor mir. Es war der Trigger in mir.

Wann mir das bewusst wurde

Nach langer innerer Arbeit stand ich wieder vor Menschen. Kein klassischer Vortrag. Kein Konzept, das absichern sollte. Ich hatte mich entschieden, mich zu zeigen –  offen, ungeschützt, präsent. Der Raum trug das. Etwas wurde ruhig. Wach. Echt. Die Rückmeldungen danach waren extrem unterschiedlich.

Einige sprachen von Berührung, von einer inneren Reise, von Klarheit. Andere griffen einzelne Nebensätze heraus und machten sie zum Hauptthema.

Zum Beispiel meine Dissertation: Für mich war sie in der Geschichte nebensächlich. Ein Detail, um etwas anderes sichtbar zu machen: Dass ich ein grosses Ziel erreicht hatte und nichts fühlte. Der Satz meines Doktorvaters damals: „Daniela, du freust dich ja gar nicht.“ Dieser Satz war der eigentliche Wendepunkt. Nicht der Titel. Nicht der Erfolg.

Aber genau an diesem Wort „Doktorarbeit“ blieben mehrere hängen. Und da wurde mir klar: So habe ich früher auch gehört.

Wir hören selten neutral

Vielleicht entstehen Missverständnisse genau hier. Nicht, weil Menschen sich schlecht ausdrücken, sondern weil wir auf unterschiedlichen Ebenen hören.

Wir hören:

  • mit unseren Erfahrungen
  • mit unseren Ängsten
  • mit unseren Vergleichen
  • mit dem, was wir selbst noch nicht integriert haben

Ich erinnere mich an ein Gespräch in einem Unternehmen. Ein Teilnehmer sprach klar, direkt, vielleicht etwas rau. Nach dem Meeting kam jemand zu mir und sagte: „Der hat mich inkompetent genannt.“ Er hatte es nie gesagt. Aber offenbar etwas berührt. Nicht das Gesagte war das Problem, sondern das, was es ausgelöst hatte.

Derselbe Impuls: völlig unterschiedliche Resonanz

Ich habe den Mitschnitt meines Vortrags später weitergegeben. Und wieder: völlig unterschiedliche Reaktionen.

Manche hörten Struktur. Andere Tiefe. Manche verloren den Faden. Andere spürten genau ihn.

Dasselbe Video. Vier Wahrnehmungen.

Und genau das ist Resonanz.

Nicht Übereinstimmung. Nicht Konsens. Sondern Berührung – an unterschiedlichen Stellen.

Was wäre passiert, wenn ich all diese Rückmeldungen hätte „einbauen“ wollen?

Ich hätte geglättet, erklärt, vorgebaut, abgesichert. Und mit jeder Anpassung wäre etwas verloren gegangen: Klarheit. Energie. Wahrhaftigkeit.

Denn echte Resonanz entsteht nicht, wenn alle nicken. Sie entsteht, wenn etwas stehen bleiben darf – auch wenn es nicht für alle passt.

Zuhören beginnt bei uns selbst

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieses Textes: Nicht besser zu sprechen, sondern ehrlicher zuzuhören.

Zu hören:

  • Wo springe ich innerlich an?
  • Was mache ich sofort zum Thema?
  • Was lasse ich gar nicht erst an mich heran?

Und auf der anderen Seite:

  • Wo glätte ich, um Reaktionen zu vermeiden?
  • Wo erkläre ich zu viel, aus Angst vor Missverständnissen?
  • Wo verliere ich meine eigene Spur?

Wenn wir beginnen, diese Ebenen zu unterscheiden, wird Kommunikation klarer und gleichzeitig menschlicher.

Fazit

Ich empfinde unterschiedliche Resonanz heute nicht mehr als Störung, sondern als Information. Sie zeigt mir nicht, was falsch war, sondern wo Menschen gerade stehen.

Vielleicht ist das der Kern von Begegnung: Dass wir im Anderen nicht die Wahrheit hören, sondern einen Spiegel unserer eigenen Themen.

Und vielleicht ist genau das echtes Zuhören:
Wahrzunehmen, was gerade in uns klingt.

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