Ich dachte immer, ich höre gut zu. Ich forderte sogar, dass Menschen mir aktiver zuhören. Bis ich gemerkt habe, dass ich oft selbst gar nicht zugehört, sondern interpretiert habe.

Ich habe aus einem Satz, Wort, Geste ein ganzes Bild gemacht und geglaubt, das Bild sei die Wahrheit. Erst viel später wurde mir klar: Ich habe gar nicht den Menschen gehört, der sprach, sondern den Trigger in mir, der reagierte.

Wie mir das auffiel

Nach langer innerer Arbeit stand ich wieder einmal vor Menschen mit einem Vortrag, der keiner im klassischen Sinn war.

Ich hatte mich entschieden, mich zu zeigen. Ohne Maske. Ohne Absicherung. Aber mit dem Vertrauen, dass die Teilnehmen sich auf meinen Vortrag einlassen. Es hätte ein Desaster werden können, aber alle machten mit. Und etwas im Raum wurde still, echt, lebendig.

Die Rückmeldungen danach waren sehr unterschiedlich. Einige sprachen von einer Reise, von Berührung, von Erkenntnis. Andere nahmen winzige Stellen aus dem Vortrag heraus, Nebensätze und machten sie zum Thema.

Zum Beispiel, dass ich eine Dissertation geschrieben habe. Für mich war das nur ein Beispiel, kein Punkt. Ich erwähnte es, um zu zeigen, dass ich fünf Jahre auf ein Ziel hingearbeitet hatte und als ich es endlich erreicht hatte, brachte mein Doktorvater es auf den Punkt: „Daniela, du freust dich ja gar nicht.“ Und ja, dieser Satz war ein Auslöser, meine Reise zu mir selbst zu beginnen. Denn es stimmte: Ich hatte mich nicht gefreut. Nach fünf Jahren Arbeit, nach all der Anstrengung: nichts. Da wurde mir klar, dass Erfolg im Aussen nichts bedeutet, wenn im Innern etwas fehlt.

Das Wort Doktorarbeit war für mich in der Geschichte völlig irrelevant. Aber genau dort sprangen mehrere Teilnehmenden an.

Und da wurde mir klar: So habe ich früher auch gehört. Ich habe nicht den Kern gehört, sondern das, was in mir anklang, mein eigenes Thema, meine Unsicherheit, meinen Vergleich.

Könnten so Missverständnisse verstehen?

Vielleicht entstehen genau hier die meisten Missverständnisse. Nicht, weil wir uns falsch ausdrücken, sondern weil wir auf unterschiedlichen Ebenen hören.

Manche hören mit dem Kopf, andere mit dem Herzen. Manche hören, was sie kennen. Andere, was sie vermeiden wollen. Und manche hören das, was sie selbst noch nicht leben.

Ich erinnere mich an ein Online-Gespräch in einem Unternehmen. Etwa 20 Menschen waren dabei. Einer der Teilnehmenden sprach lange – mit einem raueren Ton. Nach dem Gespräch kam jemand auf mich zu und meinte, der Vortragende habe ihn „inkompetent genannt“.

Ich war irritiert. Er hatte das nie gesagt. Aber vielleicht, so verstehe ich heute, hat der Zuhörer etwas in Stimme oder Mimik wahrgenommen, das seinen eigenen Zweifel angetriggert hat. Und in diesem Moment war das Gesagte nicht mehr neutral.

Vier Reaktionen – ein Vortrag

Ich habe den Mitschnitt meines Vortrags an einige Menschen geschickt, die mich kennen.
Und wieder: völlig unterschiedliche Reaktionen.

  1. Kein „überladener“ Vortrag, sicher und mit gutem flüssigen Wortschatz vorgetragen, zielsicher, persönlich gute Darstellung und Aussage – emphatisch 👍😊.Sehr gut gelungen ! (…)
  2. Super!!! Habe nur sehr kurz reingeschaut.
  3. Eine schöne Reise nach innen – tiefgründig und präzise. Eine echte Anregung zum Denken, zum Fühlen.
  4. Durch die Ausschnitte konnte ich deiner Argumentation nicht immer folgen. Aber dein Stil hat mir sehr gut gefallen.

Spannend, oder? Wie unterschiedlich der Blickwinkel auf denselben Moment sein kann.

Manche hören linear und analytisch. Sie wollen einer Argumentation folgen. Andere hören ganzheitlich. Sie spüren den roten Faden, auch wenn er nicht logisch ist. Wieder andere hören strukturiert und rational, mit dem inneren Wunsch, Kompetenz und Klarheit zu erkennen. Und einer merkte wohl: Etwas passiert hier. Ich stoppe lieber, bevor es mir zu tief geht.

Dasselbe Video: Vier Reaktionen. Vier Wahrnehmungsebenen.

Die Versuchung, es allen recht zu machen

Und vielleicht ist das ein spannender Gedanke: Was wäre passiert, wenn ich die unterschiedlichen Rückmeldungen der Menschen und besonders die, die mit ihrem Trigger gehört hatten, ernst genommen hätte? Wenn ich beim nächsten Mal meinen Vortrag angepasst hätte, um ihre Reaktionen zu besänftigen?

Dann hätte ich beim übernächsten Mal wieder angepasst, an den nächsten Trigger, an den nächsten Blickwinkel. Und mit jeder Anpassung wäre mein Vortrag ein Stück verwässerter geworden. Bis am Ende vielleicht niemand mehr verstanden hätte, was ich eigentlich sagen wollte.

Darum meine Einladung:

Wenn du das nächste Mal einen Vortrag hältst, überlege dir:

  • Was würdest du sagen, wenn du keinen Applaus erwartest?
  • Oder wenn du sicher wüsstest, dass alle zustimmen werden?
  • Wie sähe dein Vortrag dann aus?
  • Welche Botschaft wäre dir wirklich wichtig?

Vielleicht hörst du schon Stimmen, die sagen: „Das kann man so nicht sagen.
Dann überlege dir:

  • Woher kommen die Stimmen?
  • Warum ist dir ihre Reaktion so wichtig?
  • Und was könntest du tun, um sie zu halten – statt sie zu vermeiden?

Wenn du deinen Vortrag vorbereitest, sprich ihn einmal laut. Achte darauf, wann du abschweifst, erklärst, rechtfertigst oder glättest. Vielleicht versuchst du gerade, ein mögliches Missverständnis zu vermeiden.

  • Was würde passieren, wenn du genau das nicht tust, sondern es klar stehen lässt?

Die Energie ist dann ungleich höher. Und damit steigt die Chance, dass du jemanden mit deinen Worten wirklich berührst.

Fazit

Ich finde das heute faszinierend – nicht mehr frustrierend, wenn Menschen meinen Vortrag völlig anders aufnehmen.

Denn es zeigt, wie verschieden Resonanz wirken kann und was Menschen gerade beschäftigt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn von Begegnung: dass wir in einander das hören, wo wir selbst gerade stehen.

Und so wurde mein Vortrag – ungewollt – fast zu einem Kunstwerk. Nicht, weil er perfekt war, sondern weil jeder etwas anderes darin gesehen hat.

Jetzt bin ich gespannt, erkennst du dich wieder? Welche Gedanken und Gefühle weckt der Artikel in dir?