Ich konnte lange keine Grenzen setzen. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich sie selbst nicht kannte.

Ich bin sehr angepasst aufgewachsen: bloss nicht anecken, nicht auffallen, nett sein. Kein guter Nährboden fürs Grenzen setzen.

Das führte dazu, dass ich mich verausgabte. Zu viele kleine Bitten beantwortete ich mit: „Na klar, mach ich.“ Ich überhörte Dinge, die mich eigentlich verletzten und lächelte trotzdem.

Und umgekehrt? Ich konnte niemanden um Hilfe bitten:
„Ich schaffe das schon.“
„Ich will niemandem zur Last fallen.“

Im Führungsalltag wurde mir das zum Verhängnis.
Ich übernahm Aufgaben fürs Team, ohne zu prüfen, ob wir sie wirklich tragen konnten. Mir fehlte das Gespür für Ressourcen – bei mir selbst und bei anderen.
So entstand Überforderung, wo eigentlich Klarheit nötig gewesen wäre.

Erst als ich richtig müde war, Schlaf nicht mehr half, die Batterie leer blieb – und ich mit Burnout krankgeschrieben wurde – begann ich zu erkennen: Irgendetwas stimmt nicht.

Früher: Nett, hilfsbereit, angepasst – aber leer

Ich habe jede Bitte angenommen. Ich war nett. Hilfsbereit. Verständnisvoll.
Ich wollte niemanden enttäuschen, keinen Konflikt riskieren, nicht unprofessionell wirken.

Ich habe sogar über grenzverletzende Kommentare hinweggelächelt und mich später darüber geärgert. Aber ich habe nicht gesagt, dass es mir zu viel ist. Nicht gesagt, dass ich das nicht will. Ich habe es runtergeschluckt, erledigt, durchgezogen. Zähne zusammengebissen. Funktioniert. Weitergemacht.

Aber das kostet enorm Kraft. Und ja, andere hätten mir sicher geholfen. Aber ich wollte das allein schaffen.

Tja – und irgendwann stand ich vor meinem Hausarzt und bin vor Erschöpfung in Tränen ausgebrochen.

Zwei Schritte: Grenzen kennen. Grenzen setzen.

Ich musste zwei Dinge lernen. In genau dieser Reihenfolge:

  1. Grenzen kennen.
    Wo endet meine Kraft? Wo beginnt mein Unwohlsein? Was verletzt mich?
  2. Grenzen setzen.
    Wie sage ich das? Wie stehe ich dazu? Wie halte ich das aus?

Beides war für mich eine riesige Überwindung.
Aber ich habe festgestellt: Je ehrlicher ich mit mir selbst bin, desto klarer wird mein Nein. Und je klarer mein Nein, desto besser können andere damit umgehen.

Und umgekehrt: Je besser ich meine Grenzen kenne, desto leichter fällt es mir, auch die der anderen zu akzeptieren.

Vielleicht ist das sogar der dritte Schritt:

Grenzen anerkennen.

Denn wenn ich beginne, meine Energie ernst zu nehmen, sehe ich auch, wenn andere über ihre Grenzen gehen.Ich erkenne: Ich war früher nicht nur mit mir zu streng, ich habe auch andere überfordert. Mit meinen Erwartungen, mit meiner Geschwindigkeit, mit meinem Schweigen.

Der erste Schritt: Grenzen verstehen

Grenzen können wir oft über unsere Wut erkennen. Wut ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein kraftvoller Indikator. Sie zeigt: Hier wurde eine Grenze überschritten.

Zum Beispiel bei einem scheinbar harmlosen: „Daniela, kannst du mal eben…?“Ich höre mich Ja sagen, aber innerlich brodelt es. Ich beisse die Zähne zusammen, ziehe es durch und sage: nichts. Es schon also oft ein Riesenschritt, überhaupt Wut zu spüren. Denn viele von uns haben gelernt, Wut zu unterdrücken. Runterzuschlucken. Nett zu bleiben.

Doch Wut kommt nicht einfach so. Sie folgt oft ganz direkt auf eine Situation:

  • Ich habe Ja gesagt, obwohl ich Nein meinte.
  • Jemand hat mich verletzt – und ich habe gelächelt.

Und die Wut sagt ganz direkt:
„Ernsthaft, Daniela?“

Wenn wir diesem „Ernsthaft!?!“ wirklich zuhören, beginnt etwas in uns zu arbeiten. Wir halten inne. Und wir können beginnen, uns ehrlich zu reflektieren.

  • Was hat mich gerade so getriggert?
  • Was ist genau passiert?
  • Was hätte ich eigentlich machen oder sagen wollen?
  • Und was befürchte ich, wenn ich es wirklich getan hätte?

Mit der letzten Frage tauchen oft alte Gedanken auf:

  • „Dann mag man mich nicht mehr.“
  • „Dann gelte ich als schwierig.“
  • „Dann verliere ich etwas.“

Und vielleicht war das früher sogar wahr.

Aber heute?
Heute darfst du dich selbst wichtiger nehmen als diese alten Ängste. Denn nur, wenn du deine Wut annimmst, kannst du die Grenze erkennen, die sie in Wahrheit beschützen will.

Der zweite Schritt: Grenzen setzen

Wenn ich meine Grenze erkannt habe, beginnt der zweite Schritt: Sie auch zu benennen.
Klar. Ohne Drama. Ohne Rechtfertigung.

Zum Beispiel:

  • „Nein, das mache ich nicht.“
  • „So möchte ich nicht angesprochen werden.“
  • „Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken.“

Und ja: Das fühlt sich anfangs brutal an. Wie auf einem 3-Meter-Brett zu stehen.
Man weiss, es kann nichts passieren, aber es kostet Überwindung. Und dann springst du. Und plötzlich merkst du: Du lebst. So fühlt sich ein erstes klares Nein an: ehrlich, befreiend und: nicht schlimm.

Ganz im Gegenteil: Die anderen können uns auf einmal besser einschätzen. Sie sehen uns – vielleicht sogar zum ersten Mal. Und ja, das kann irritieren. Aber nur, weil wir es bisher nie getan haben.

Vielleicht kann der oder die eine nicht damit umgehen. Doch dann lohnt sich ein Blick hinter die Fassade: Ging es dieser Person wirklich um dich oder nur um die Funktion, die du erfüllst? War da echter Respekt oder stiller Anspruch?

Und oft zeigt sich: Wer nicht mit einem Nein umgehen kann, kennt die eigenen Grenzen vermutlich selbst nicht.

Der dritte Schritt: Verantwortung bewusst übergeben

Wenn ich meine eigenen Grenzen erkenne, passiert etwas Entscheidendes: Ich erkenne den Wert der anderen.

Ich muss nicht mehr alles können. Ich darf mich auf andere verlassen. Und ich begreife: Zusammenarbeit bedeutet nicht Schwäche – sondern Vertrauen.

Ich nehme nicht mehr alles auf mich. Aber ich schiebe auch nicht einfach alles weiter. Denn: Solange ich mich selbst überfordere, überfordere ich oft auch andere. Oder ich delegiere aus Entlastung – ohne zu prüfen, ob mein Gegenüber das tragen kann.

Gerade als Führungskraft heisst das: Verantwortung nicht nur abgeben, sondern bewusst zu übergeben.

Das bedeutet, Fragen zu stellen wie:

  • Hat diese Person wirklich die Kapazität?
  • Versteht sie den Rahmen und das Ziel der Aufgabe?
  • Hat sie die nötigen Ressourcen oder lasse ich sie im Stich?
  • Ist das eine gesunde Herausforderung oder bereits Überforderung?
  • Können wir als Team diese Aufgabe überhaupt leisten oder ist es klüger, sie nicht anzunehmen?

Denn auch das gehört zur Verantwortung: Nicht jede Aufgabe übernehmen, nur weil sie „von oben“ kommt. Nicht jedes Projekt weiterreichen, nur weil es jemand schnell loswerden will.

Als Führungskraft darfst du sagen: Nein, das machen wir nicht. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht unter diesen Bedingungen.

Das ist kein Rückzug – das ist Schutz. Für dich. Für dein Team. Für eure Kraft.

Meine Einladung an dich:

Wenn du das nächste Mal wütend bist, frag dich: Welche Grenze wurde hier gerade überschritten?

Und wenn du möchtest, probiere ein ehrliches Nein aus.
Du wirst überrascht sein, wie gut die Welt damit umgehen kann.

Jetzt bin ich gespannt, erkennst du dich wieder? Welche Gedanken und Gefühle weckt der Artikel in dir?