Ich konnte lange keine Grenzen setzen, einfach weil ich sie selbst nicht kannte. Ich bin angepasst aufgewachsen. Bloss nicht anecken. Nett sein. Mitgehen. Alles kein guter Boden für klare Grenzen. Also habe ich zu oft, zu schnell Ja gesagt.
Ich habe Bitten angenommen, obwohl sie mich überforderten. Verletzende Kommentare überhört und trotzdem gelächelt. Und Hilfe? Die habe ich kaum eingefordert. „Ich schaffe das schon.“
Anpassung hat einen Preis
Diese Art zu leben funktioniert – eine Zeit lang. Aber sie kostet Kraft.
Im Führungsalltag wurde mir das besonders deutlich. Ich habe Aufgaben übernommen, ohne ehrlich zu prüfen, ob wir sie als Team wirklich tragen konnten.
Ich wollte schützen. Ich wollte stabil sein. Ich wollte niemanden enttäuschen.
Und genau damit habe ich Überforderung erzeugt – bei mir selbst und bei anderen.
Erst als ich nicht mehr konnte, als Schlaf nicht mehr half und ich mit Burnout krankgeschrieben wurde, wurde mir klar: Hier stimmt etwas Grundsätzliches nicht.
Grenzen setzen hat zwei Voraussetzungen
Ich musste zwei Dinge lernen – in dieser Reihenfolge:
Grenzen erkennen.
- Wo endet meine Kraft?
- Wo beginnt mein Unwohlsein?
- Was verletzt mich wirklich?
Grenzen benennen.
Klar. Ohne Drama. Ohne Rechtfertigung.
Beides war ungewohnt und beides war nötig.
Denn je ehrlicher ich mit mir selbst wurde, desto klarer wurde mein Nein. Und je klarer mein Nein, desto leichter konnten andere damit umgehen.
Wut ist oft der erste Hinweis
Meine Grenzen habe ich zuerst über Wut kennengelernt. Dieses kurze „Ernsthaft?“ wenn ich Ja sage und innerlich alles dagegen ist. Wut zeigt nicht Schwäche. Sie zeigt, dass etwas übergangen wurde. Nicht von den anderen, sondern von mir selbst.
Wenn ich innehalte und dieser Wut zuhöre, öffnet sich ein Raum für Ehrlichkeit:
- Was hätte ich eigentlich sagen wollen?
- Was habe ich aus Angst nicht gesagt?
- Und wovor wollte ich mich schützen?
Oft tauchen alte Gedanken auf:
„Dann mögen sie mich nicht mehr.“
„Dann bin ich schwierig.“
„Dann verliere ich etwas.“
Vielleicht war das früher wahr. Heute gilt das sicher nicht mehr.
Ein Nein verändert mehr als ein Ja
Grenzen zu setzen fühlt sich am Anfang brutal an.
Wie ein Sprung vom Dreimeterbrett. Man weiss: Es passiert nichts. Aber der Körper zögert. Und dann springt man und merkt: Ich lebe noch. Mehr noch: Ich stehe klarer da als zuvor.
Ein Nein schafft Orientierung. Für mich. Und für die anderen.
Nicht jede:r kann damit umgehen. Aber dann lohnt sich eine ehrliche Frage: Ging es um mich oder um die Rolle, die ich erfüllt habe?
Verantwortung bewusst tragen – und übergeben
Mit klaren Grenzen verändert sich auch Verantwortung. Ich muss nicht mehr alles selbst tragen und ich gebe nicht mehr achtlos weiter.
Gerade in Führung heisst das:
- Nicht jede Aufgabe annehmen.
- Nicht jeden Druck nach unten weiterreichen.
- Nicht jede Erwartung erfüllen.
Manchmal ist das verantwortungsvollste Nein. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht unter diesen Bedingungen.
Das ist kein Rückzug. Das ist Schutz.
Für die eigene Kraft.
Für das Team.
Für die Qualität der Arbeit.
Fazit
Grenzen setzen beginnt nicht im Aussen. Es beginnt mit Ehrlichkeit nach innen. Wenn ich mich selbst ernst nehme, erkenne ich meine Grenzen und beginne, auch die der anderen zu achten.
Nicht aus Härte. Aus Klarheit.
Und genau daraus entsteht etwas Tragfähiges: Beziehung. Verantwortung. Wirkung.



