Ich beschäftige mich schon länger mit der Frage, was es eigentlich bedeutet, bewusst zu entscheiden.

Es kann nicht bedeuten, alles zu wissen. Gerade in komplexen Situationen fehlen uns Informationen. Wir interpretieren das, was wir beobachten. Wir treffen Annahmen darüber, was passieren könnte. Und manchmal verändert sich die Situation bereits, während wir entscheiden.

Es kann auch nicht bedeuten, die richtige Entscheidung zu kennen. Denn oft wissen wir erst später, was aus einer Entscheidung tatsächlich entsteht.

Vielleicht bedeutet bewusst zu entscheiden deshalb etwas anderes:
Ich weiss, dass ich falschliegen kann. Und ich kann es tragen.

Das klingt zunächst nicht besonders angenehm.

Denn wenn ich falschliege, kann meine Entscheidung Konsequenzen haben. Sie kann Zeit, Geld oder Motivation kosten. Sie kann anderen Menschen sogar Schwierigkeiten bereiten.

Vielleicht betrifft meine Entscheidung auch dich.

Vielleicht war ich überzeugt davon, das sie richtig ist. Vielleicht habe ich etwas entschieden, das für dich Schwierigkeiten erzeugt hat. Und vielleicht erkenne ich das erst, weil du mir zeigst, was durch meine Entscheidung bei dir entstanden ist.

Dann könnte ich versuchen es zu erklären, warum ich trotzdem richtig entschieden habe. Oder ich könnte sagen: Ich habe das entschieden. Ich hielt es für richtig. Und meine Annahme hat sich nicht bestätigt.

Das auszuhalten ist etwas anderes, als nach Schuld zu suchen.

Ich muss weder mich selbst verurteilen noch dich dafür verantwortlich machen, dass etwas anderes entstanden ist, als ich erwartet habe.

Ich kann versuchen zu verstehen, was passiert ist. Ich kann meine Annahmen infrage stellen. Vielleicht sehe ich durch deine Perspektive etwas, das ich vorher nicht sehen konnte.

Und ich kann neu entscheiden. Vielleicht macht uns gerade die Möglichkeit, falschliegen zu dürfen, überhaupt erst entscheidungsfähig.

Denn wenn ich nur entscheiden darf, wenn ich sicher bin, brauche ich immer mehr Informationen, Absicherung und Gewissheit.

Wenn ich dagegen weiss, dass meine Entscheidung auf dem beruht, was ich heute erkennen kann, darf ich trotz Unsicherheit handeln.

Nicht gleichgültig. Nicht beliebig.

Sondern in dem Wissen, dass ich für meine Entscheidung verantwortlich bleibe – auch dann, wenn etwas anderes entsteht, als ich erwartet habe.

Bewusst entscheiden heisst nicht, sicher zu sein, richtigzuliegen. Es heisst, zu wissen, dass ich falschliegen kann – und bereit zu sein, das zu tragen.

Welche Entscheidung könntest du treffen, wenn du nicht sicher sein müsstest, dass sie richtig ist?