Ich mag Krimis. Mich fasziniert, wie sich aus vielen Puzzleteilen langsam ein Bild ergibt.
Am Anfang gibt es eine Beobachtung: Jemand ist tot. Dann kommen weitere Hinweise. Aussagen widersprechen sich. Ein Detail scheint zunächst unwichtig.
Eine Person verhält sich auffällig. Eine Spur führt in eine Richtung und plötzlich passt etwas nicht mehr.
Aus einer Beobachtung wird dabei nicht automatisch eine Erklärung.
Wenn jemand sich merkwürdig verhält, kann das vieles bedeuten. Vielleicht hat die Person etwas zu verbergen. Vielleicht ist sie nervös und hat mit dem Fall überhaupt nichts zu tun.
Gleichzeitig sind auch unsere Beobachtungen nicht völlig neutral. Wir wählen aus, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, erkennen etwas als etwas und geben dem Wahrgenommenen auf Grundlage unserer Erfahrungen und unseres Wissens Bedeutung.
Aus dem, was wir wahrnehmen, entsteht deshalb schnell eine Interpretation. Und aus einer Interpretation kann eine Erklärung werden, die wir irgendwann für selbstverständlich halten.
Genau das finde ich auch in Organisationen interessant.
Nehmen wir die Aussage: „Die Mitarbeitenden übernehmen keine Verantwortung.“
Das klingt zunächst wie eine Beobachtung.
Vielleicht beobachte ich, dass eine Mitarbeiter:in eine Entscheidung nicht selbst trifft. Sie fragt ihre Führungskraft, obwohl sie die Entscheidung aus meiner Sicht selbst treffen könnte.
Was habe ich jetzt eigentlich beobachtet?
Dass sie keine Verantwortung übernimmt? Oder zunächst nur, dass sie diese Entscheidung nicht selbst getroffen und ihre Führungskraft gefragt hat?
Schon die Aussage, sie würden „keine Verantwortung übernehmen“, gibt diesen Beobachtungen eine Bedeutung.
Und wenn wir diese Bedeutung für eine Erklärung halten, ist die Lösung schnell gefunden: mehr Eigenverantwortung, ein neues Führungsmodell, ein Workshop oder eine neue Methode.
Im Krimi würden wir vermutlich erst einmal fragen: Was ist eigentlich passiert?
Vielleicht fehlt tatsächlich die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht fehlt Orientierung. Vielleicht erleben Menschen, dass ihre Entscheidungen später korrigiert werden. Vielleicht verfolgen verschiedene Bereiche unterschiedliche Ziele. Vielleicht gibt es noch eine ganz andere Erklärung.
Solange wir das nicht wissen, können wir unsere Erklärung zunächst als das behandeln, was sie ist: eine Hypothese.
Dann können wir weiter beobachten, Fragen stellen, Daten betrachten oder andere Perspektiven einbeziehen. Vielleicht bestätigt sich unsere Hypothese. Vielleicht finden wir etwas, das ihr widerspricht. Vielleicht entsteht eine andere.
So kann sich unser Verständnis verändern.
Das bedeutet nicht, dass wir in Organisationen monatelang ermitteln müssen, bevor wir handeln dürfen. Manchmal müssen wir mit unvollständigen Informationen entscheiden.
Aber vielleicht müssen wir auch nicht jede plausible Erklärung sofort für die richtige halten.
Manchmal lohnt es sich, einen Moment länger nicht zu wissen und genauer hinzuschauen.
Vielleicht mag ich Krimis auch deshalb so gerne. Sie erlauben uns, eigene Hypothesen zu bilden, sie wieder zu verwerfen und unsere Erklärung mit jeder neuen Beobachtung zu verändern.
Und wenn wir nach zehn Minuten schon sicher wüssten, wer der Mörder ist, würden wir vermutlich ziemlich schnell abschalten. 😄
Welche Erklärung hältst du gerade für selbstverständlich und was hast du tatsächlich beobachtet?

