Wir treffen ständig Annahmen darüber, was andere Menschen wollen. Oft merken wir gar nicht, dass es Annahmen sind. Sie erscheinen uns selbstverständlich: Menschen wollen gute Arbeit leisten. Teams wollen gemeinsam etwas erreichen. Mitarbeitende wollen Verantwortung übernehmen. Menschen wollen sich entwickeln.
Manche dieser Annahmen begleiten uns so lange, dass wir kaum noch bemerken, wie sehr sie unseren Blick auf Situationen und unser eigenes Handeln prägen.
Ich hatte eine solche Annahme. Eine sehr starke.
Ich bin lange mit einer Grundannahme durch mein Berufsleben gegangen: Teams und Organisationen wollen ein WIR. Nicht unbedingt von Anfang an. Aber irgendwo unter Konflikten, unterschiedlichen Interessen und Missverständnissen gibt es doch den Wunsch, gemeinsam etwas zu gestalten.
Ich liebe dieses WIR. Wenn Menschen beginnen, gemeinsam zu denken, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und aus vielen Einzelnen etwas entsteht, das keiner allein hätte schaffen können.
Also habe ich genau das immer wieder unterstützt. Ich habe Probleme angesprochen, Fragen gestellt, irritiert, Workshops gestaltet und versucht, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Wenn etwas nicht funktioniert hat, habe ich mich gefragt, was fehlt, damit gemeinsames Handeln möglich wird. Und wenn Irritationen entstanden, dachte ich häufig: Da ist etwas Interessantes. Hier müssen wir noch genauer hinschauen.
Heute stelle ich mir eine ziemlich unbequeme Frage: Was, wenn das vor allem mein Ziel war?
Was, wenn nicht alle Menschen in einer Organisation ein WIR wollen? Was, wenn sie etwas ganz anderes darunter verstehen? Was, wenn Zusammenarbeit für sie einen anderen Stellenwert hat als für mich?
Und was, wenn ich über viele Jahre versucht habe, etwas entstehen zu lassen, das ich für selbstverständlich hielt, ohne zu fragen, ob die anderen es überhaupt genauso wollten?
Diese Frage verändert meinen Blick auf manche Erfahrungen.
Vielleicht waren Irritationen tatsächlich Hinweise darauf, dass es sich lohnte, genauer hinzuschauen. Vielleicht passte meine Vorstellung von Zusammenarbeit nicht zu der anderer Beteiligter. Vielleicht ging es um etwas völlig anderes.
Ich weiss es nicht. Und genau das ist für mich heute der interessante Punkt.
Denn solange meine eigene Annahme für mich selbstverständlich war, habe ich viele Situationen auch durch sie betrachtet.
Das fühlt sich einerseits unbequem und andererseits befreiend an. Ich muss nicht mehr voraussetzen, dass ein WIR entstehen soll. Ich kann zuerst fragen: Wollen wir überhaupt ein WIR? Wollen wir dasselbe? Und verstehen wir unter WIR überhaupt das Gleiche?
Und wenn die Antworten unterschiedlich ausfallen, ist auch das eine wichtige Information.
Ich sehe meinen starken Willen noch immer. Ich sehe meine Freude daran, Dinge möglich zu machen, und meine Fähigkeit, lange dranzubleiben. Aber heute interessiert mich stärker, worauf ich diesen Willen richte und welche Annahmen dabei meine Entscheidungen prägen.
Vielleicht bedeutet Entwicklung deshalb manchmal nicht, noch einen besseren Weg zu finden, damit etwas gemeinsam entsteht.
Vielleicht bedeutet sie auch, zu entdecken, dass wir etwas für ein gemeinsames Ziel gehalten haben, bevor wir überhaupt gefragt haben, ob es eines ist.
Welche deiner Annahmen über andere ist so selbstverständlich geworden, dass du sie kaum noch als Annahme erkennst?

