In meinem letzten Artikel habe ich darüber geschrieben, dass Verhalten unter Bedingungen entsteht.

Vereinfacht:
WENN bestimmte Bedingungen zusammenkommen → DANN entsteht Verhalten Y.

Nehmen wir wieder ein Beispiel: Mitarbeitende sichern Entscheidungen häufig bei ihrer Führungskraft ab. Vielleicht haben sie erlebt, dass selbstständig getroffene Entscheidungen später korrigiert werden.

Daraus könnte eine einfache Regel entstehen:
Mitarbeitende:
WENN meine Entscheidungen später korrigiert werden → DANN sichere ich mich vorher ab.
Aus ihrer Perspektive ziemlich nachvollziehbar.

Die Führungskraft erlebt allerdings etwas anderes. Sie sieht Mitarbeitende, die mit Entscheidungen immer wieder zu ihr kommen. Vielleicht erklärt sie sich das damit, dass sie unsicher sind oder nicht selbst entscheiden wollen.

Auch daraus könnte eine Regel entstehen:
Führungskraft:
WENN Mitarbeitende Entscheidungen bei mir absichern → DANN muss ich stärker eingreifen.

Auch das kann aus ihrer Perspektive nachvollziehbar sein.

Interessant wird es, wenn wir beide Regeln zusammen betrachten.

Denn das DANN der einen Seite wird zum WENN der anderen.

Die Führungskraft greift ein.
→ Mitarbeitende sichern sich stärker ab.
→ Die Führungskraft erlebt noch mehr Absicherung.
→ Sie greift stärker ein.
→ Mitarbeitende erleben noch deutlicher, dass Absicherung sinnvoll ist.

So können zwei Verhaltensweisen, die für sich genommen nachvollziehbar sind, gemeinsam ein Muster stabilisieren, über das sich am Ende beide Seiten ärgern.

Die Mitarbeitenden:
„Wir dürfen hier ja doch nichts selbst entscheiden.“
Die Führungskraft:
„Hier übernimmt einfach niemand Verantwortung.“

Und beide können aus ihrer jeweiligen Perspektive sogar recht haben.

Für die Mitarbeitenden wäre es leichter, selbst zu entscheiden, wenn die Führungskraft weniger eingreifen würde.
Für die Führungskraft wäre es leichter, weniger einzugreifen, wenn die Mitarbeitenden mehr selbst entscheiden würden.

Solange aber jede Seite auf die andere wartet, liefert das Verhalten der jeweils anderen immer wieder einen guten Grund, selbst genauso weiterzumachen wie bisher.

Irgendwann muss darüber vielleicht niemand mehr bewusst nachdenken. Bestimmte Entscheidungen werden eben abgestimmt. Bestimmte Dinge werden eben kontrolliert.

Aus zwei nachvollziehbaren Reaktionen ist eine Gewohnheit geworden. Und vielleicht entsteht genau dort ein blinder Fleck.

Wir sehen das Verhalten der anderen sehr deutlich. Was wir weniger sehen, ist der eigene Beitrag zu den Bedingungen, unter denen dieses Verhalten für die andere Seite sinnvoll wird.

Dann wäre eine interessante Frage vielleicht nicht nur:
„Warum verhalten die sich so?“
Sondern:
„Was an unserem Verhalten macht es für die anderen sinnvoll, sich so zu verhalten?“

Vielleicht wird dann aus einem Problem, das scheinbar die jeweils anderen verursachen, ein Muster, dessen Bedingungen wir gemeinsam untersuchen können.

Welches Verhalten anderer ärgert dich? Und welche Bedingungen könnten dazu beitragen, dass dieses Verhalten für sie sinnvoll bleibt – vielleicht auch solche, die wir selbst mit erzeugen?