Regeln lassen sich vereinfacht als WENN → DANN beschreiben.
WENN etwas passiert, DANN reagieren wir auf eine bestimmte Weise. Solche Regeln schaffen Orientierung und Berechenbarkeit – für uns selbst und für andere.
Manche Regeln sind explizit und damit relativ leicht veränderbar. Viele sind jedoch implizit: Gewohnheiten und Verhaltensmuster, die sich über Jahre entwickelt haben und uns oft gar nicht bewusst sind.
Aber was passiert, wenn wir eine solche implizite Regel bewusst verändern?
Was, wenn auf ein WENN plötzlich ein anderes DANN als erwartet folgt?
Dann brechen wir eine etablierte Regel. Und das irritiert – nicht nur uns selbst, sondern auch die Menschen um uns herum. Schliesslich haben auch sie sich daran gewöhnt, wie wir normalerweise reagieren.
Ein einfaches Beispiel:
WENN ich Daniela um einen kleinen Gefallen bitte → DANN macht sie ihn.
Dieses Muster kann sich über Jahre etabliert haben, ohne dass es mir bewusst ist – und dem anderen genauso wenig.
Irgendwann beginne ich mich darüber zu ärgern. Vielleicht ist mein Entgegenkommen so selbstverständlich geworden, dass sich mein Gegenüber kaum noch bedankt. Vielleicht habe ich schlicht keine Lust mehr. Oder meine Zeit ist knapp und ich möchte sie lieber für etwas anderes nutzen.
Die Wut hat einen Vorteil: Sie zeigt mir, dass für mich etwas nicht mehr stimmt. Da ich den anderen nicht ändern kann, muss ich zunächst erkennen: Ich bin Teil dieses Musters.
Erst dann kann ich entscheiden, ob ich es weiterhin aufrechterhalten möchte.
Und vielleicht passiert beim nächsten Mal:
WENN ich Daniela um einen kleinen Gefallen bitte → DANN sagt sie Nein.
Dieses Nein irritiert. Und zwar zu Recht. Schliesslich hat zwischen uns bisher eine andere Regel gegolten.
Jetzt kann ich aufgrund der Reaktion meines Gegenübers in das alte Muster zurückfallen: „Nein, entschuldige, natürlich mache ich es.“ Oder ich bleibe bei meinem Nein und halte das Neue lange genug, damit ein anderes Muster entstehen kann.
Aus eigener Erfahrung weiss ich: Ein Muster wird meist nicht dadurch verändert, dass man es einmal irritiert. Man muss das Neue häufig und lange halten. Mit jeder positiven Erfahrung kann es leichter werden.
Ich habe aber auch gelernt: Die Befürchtungen, die mit Veränderung verbunden sind, können tatsächlich eintreten. Beziehungen können sich verändern oder sogar enden.
Genau dann wird Veränderung schwierig. Dafür braucht es Halt.
Daraus entsteht für mich eine Hypothese:
Wenn nicht nur Einzelne, sondern ein Team oder eine Organisation ein neues Muster gemeinsam entwickelt und hält, können sich die Beteiligten gegenseitig Halt geben. Vielleicht wird Veränderung dadurch ein Stück leichter.
Nicht weil das Neue automatisch besser ist. Sondern weil wir die Irritation nicht allein aushalten müssen.
Mich interessiert deshalb weniger die Frage: Wie bringen wir Menschen dazu, sich anders zu verhalten?
Sondern:
Was brauchen Menschen, um ein neues DANN lange genug gemeinsam halten zu können, damit daraus überhaupt ein neues Muster entstehen kann?
Wann hast du dich zuletzt über das Verhalten eines anderen Menschen geärgert und könntest du selbst Teil des Musters gewesen sein?
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