Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit Pierre-Alexis Dumas von Hermès gesehen. Eine Frage ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Die Interviewerin wollte sinngemäss wissen, wie Hermès auf die Strategie gekommen sei, seine Produkte künstlich zu verknappen.
Seine Antwort war überraschend einfach: Das sei keine Strategie. Sie könnten schlicht nicht schneller produzieren.
Ob die Frage tatsächlich genau so gestellt wurde, weiss ich heute allerdings nicht mehr. Vielleicht lag es an der Übersetzung. Vielleicht ist es auch schlicht die Art, wie ich die Frage damals gehört und in Erinnerung behalten habe.
Und eigentlich passt genau das ziemlich gut zu dem, worüber ich hier schreiben möchte.
Denn die Frage, so wie sie bei mir angekommen ist, enthielt bereits eine Erklärung.
Die Beobachtung war, vereinfacht gesagt, dass bestimmte Produkte nicht in der Menge verfügbar sind, in der sie nachgefragt werden. Eine mögliche Erklärung dafür lautet:
Hermès verknappt seine Produkte bewusst.
Das ist plausibel. Aber es ist nicht die einzige mögliche Erklärung. Dumas beschrieb eine andere: Die begrenzte Verfügbarkeit entstehe daraus, wie und in welcher Geschwindigkeit Hermès produzieren könne.
Mich interessiert daran weniger, welche Erklärung „richtig“ ist. Mich interessiert der Moment davor.
Denn sobald ich frage: „Warum verknappen Sie Ihre Produkte?“, habe ich bereits vorausgesetzt, dass sie verknappt werden. Meine Interpretation steckt schon in meiner Frage.
Das passiert nicht nur in Interviews.
- Warum übernehmen unsere Mitarbeitenden keine Verantwortung?
- Warum funktioniert die Zusammenarbeit nicht?
- Warum wehrt sich das Team gegen die Veränderung?
Solche Fragen klingen offen. Aber vielleicht haben wir einen Teil der Antwort bereits hineingepackt.
Vielleicht übernehmen Menschen Verantwortung – nur anders, als wir es erwarten. Vielleicht funktioniert die Zusammenarbeit in bestimmten Situationen durchaus. Vielleicht erleben Menschen die Veränderung gar nicht als etwas, gegen das sie sich wehren.
Das bedeutet nicht, dass unsere erste Erklärung falsch sein muss. Aber vielleicht lohnt es sich, zu bemerken, dass es eine Erklärung ist.
Denn wenn meine Erklärung bereits in der Frage steckt, beeinflusst sie möglicherweise auch, welche Antworten ich überhaupt erwarte.
Und genau dort wird Neugier für mich interessant.
Kann ich eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet habe, wirklich hören? Oder versuche ich, sie möglichst schnell wieder in meine bisherige Erklärung einzuordnen?
Vielleicht bedeutet Neugier deshalb nicht nur, Fragen zu stellen.
Neugier bedeutet auch, eine Antwort zuzulassen, die meine Frage verändert.
Aus „Warum verknappen Sie Ihre Produkte?“ könnte beispielsweise werden: „Wie entsteht die begrenzte Verfügbarkeit Ihrer Produkte?“ Vielleicht ist diese Frage weniger elegant. 😄 Aber sie lässt mehr mögliche Antworten zu – auch solche, an die ich selbst noch gar nicht gedacht habe.
Seit ich darauf achte, finde ich solche Fragen überall. Und natürlich auch bei mir selbst.
Manchmal glaube ich, eine offene Frage zu stellen, und merke erst später, dass meine Erklärung längst darin enthalten war.
Welche Antwort könntest du überhören, weil du deine Erklärung schon kennst?
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