Neulich bin ich über einen Beitrag gestolpert, der erklärte, wie Führungskräfte erschöpfte Teams wieder motivieren können.
Mein erster Gedanke war: Vielleicht stellen wir die falsche Frage.
Denn bevor wir überlegen, wie Menschen wieder motivierter werden, könnten wir uns fragen, was ihre Erschöpfung uns über die Situation erzählt.
Ich kenne dabei beide Seiten. Ich war Teil eines erschöpften Teams. Und ich war die Führungskraft, die glaubte, empathisch zu führen. Ich hörte zu. Ich wollte Verständnis zeigen. Aber ich wollte auch Konflikte vermeiden. Ich wollte für mein Team da sein. Damals war ich überzeugt, dass genau das gute Führung ausmacht.
Heute sehe ich das anders.
Rückblickend erkenne ich, dass ich Verantwortung übernommen habe, die nicht meine war. Ich habe zu selten Grenzen gesetzt, Erwartungen ungeprüft weitergegeben und Harmonie bewahrt, wo Klarheit notwendig gewesen wäre. Nicht, weil es mir an Fürsorge fehlte, sondern weil ich Führung mit Harmonie verwechselt habe.
Was ich damals als Erschöpfung wahrnahm, war nicht plötzlich entstanden. Vorausgegangen waren viele kleine Entscheidungen, fehlende Prioritäten, unausgesprochene Erwartungen und auch meine eigene Angst, anzuecken oder Nein zu sagen.
Das ist meine Erklärung für das, was ich damals erlebt habe.
In einer anderen Situation können hinter Erschöpfung ganz andere Zusammenhänge stehen. Vielleicht geht es um Ressourcen. Um widersprüchliche Erwartungen. Um fehlende Entscheidungsräume. Um Zusammenarbeit. Um private Belastungen. Um Führung. Oder um etwas, das wir bisher noch gar nicht gesehen haben.
Aus der Beobachtung allein wissen wir noch nicht, wie wir sie erklären müssen.
Genau deshalb würde ich heute nicht zuerst fragen, wie wir ein erschöpftes Team wieder motivieren können.
Ich würde zunächst genauer hinschauen:
Was beobachten wir eigentlich? Seit wann? Unter welchen Bedingungen entsteht es? Welche Erklärungen haben wir dafür und worauf beruhen sie? Was hat sich möglicherweise verändert? Und welche Rolle spielen unsere eigenen Entscheidungen und unser Verhalten dabei?
Heute verstehe ich Führung deshalb auch anders.
Empathie bleibt für mich wichtig. Aber sie ersetzt keine Klarheit. Führung kann auch bedeuten, Prioritäten zu setzen, Verantwortung zu klären, Erwartungen zu hinterfragen, Spannungen auszuhalten oder bewusst Nein zu sagen. Und manchmal bedeutet sie vielleicht zunächst, nicht sofort eine Lösung zu haben.
Denn wenn wir Erschöpfung unmittelbar als Motivationsproblem verstehen, liegt die Lösung schnell nahe: Wir müssen die Menschen wieder motivieren.
Vielleicht ist aber genau das bereits eine Annahme, die es sich zu hinterfragen lohnt.
Was würdest du erkunden, bevor du versuchst, ein erschöpftes Team wieder zu motivieren?
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