Ich habe lange geglaubt, dass es sinnvoll ist, von anderen zu lernen. Und das glaube ich immer noch.
Wenn jemand etwas erfolgreich gemacht hat, warum sollte ich nicht hinschauen? Erfahrungen anderer können Orientierung geben, Möglichkeiten zeigen und uns vor Fehlern bewahren, die andere bereits gemacht haben.
Aber sie nehmen uns eine Frage nicht ab: Was bedeutet das für unsere Situation?
Eine Lösung, die anderswo funktioniert hat, ist unter bestimmten Bedingungen entstanden. Vielleicht sind unsere Ziele andere. Vielleicht unterscheiden sich Menschen, Erwartungen oder Rahmenbedingungen. Vielleicht übernehmen wir etwas und erzielen damit genau die gewünschte Wirkung.
Wir wissen es vorher nicht vollständig.
Das gilt auch für Führung.
Natürlich kann ich Erfahrungen nutzen, Informationen sammeln, Risiken einschätzen und unterschiedliche Perspektiven einbeziehen. Ich kann versuchen, meine Entscheidungsgrundlage so gut wie möglich zu verstehen.
Und trotzdem kann ein Moment kommen, in dem ich entscheiden muss, obwohl Fragen offenbleiben.
Genau diese Situation finde ich an Führung interessant.
Denn eine Entscheidung wird nicht automatisch besser, nur weil sie neu oder eigenständig ist. Und sie wird nicht automatisch schlechter, weil andere sie bereits getroffen haben.
Entscheidend ist für mich etwas anderes: Kann ich begründen, worauf ich meine Entscheidung stütze – und bin ich bereit, Verantwortung für ihre möglichen Konsequenzen zu übernehmen?
Das kann bedeuten, einen bewährten Weg zu wählen. Es kann bedeuten, etwas anders zu machen. Und manchmal bedeutet es vielleicht auch, noch nicht zu entscheiden, weil wichtige Informationen fehlen.
Unsicherheit verschwindet dadurch nicht unbedingt.
Ich kann nicht vollständig wissen, wie andere auf eine Entscheidung reagieren werden. Ich weiss nicht immer, welche Wechselwirkungen entstehen oder ob die erwartete Wirkung tatsächlich eintritt. Und auch eine sorgfältig begründete Entscheidung kann sich später als wenig hilfreich erweisen.
Führung bedeutet für mich deshalb nicht, trotz Unsicherheit so zu tun, als wäre die Richtung sicher.
Sie bedeutet, sichtbar zu lassen, was wir wissen, was wir annehmen und was wir noch nicht wissen – und dennoch Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir damit umgehen.
Vielleicht lautet eine ehrliche Führungsentscheidung deshalb manchmal:
„Ich weiss nicht, ob das funktionieren wird. Aber ich kann erklären, warum wir es versuchen und wir werden beobachten müssen, was daraus entsteht.“
Unsicherheit zu tragen bedeutet für mich dann nicht, sie einfach auszuhalten. Es bedeutet auch, sie nicht durch vermeintliche Gewissheit zu verdecken.
Welche Unsicherheit bleibt in einer Entscheidung bestehen, für die du Verantwortung trägst?
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