Ich habe lange darüber nachgedacht, was es eigentlich braucht, um den KAMPINADA®-Kompass zu nutzen. Denn der Kompass ist sicher nicht einfach. Er stellt zunächst einmal eine Unterbrechung dar. Und so sehr ich diese Unterbrechung schätze, weil sie uns davor bewahren kann, viel Zeit, Geld und Energie in etwas zu investieren, das am Ende vielleicht gar keinen wirklichen Mehrwert schafft, weiss ich auch, dass sie nicht einfach ist.
Ich habe den Kompass über viele Jahre hinweg entwickelt. In einer Zeit, in der ich mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt habe. Ich habe dabei immer wieder versucht, meine eigenen Muster zu erkennen: Was triggert mich? Warum reagiere ich so? Welche Annahme steckt dahinter? Was halte ich aufrecht, obwohl ich eigentlich längst weiss, dass es mir nicht mehr dient? Und was würde passieren, wenn ich bewusst anders handle?
Dabei habe ich gelernt, was es braucht, damit Menschen mit einem solchen Kompass arbeiten können. Die Antwort ist erstaunlich einfach und gleichzeitig ziemlich schwierig: Kann ich mich selbst infrage stellen?
Denn solange ich das nicht kann oder nicht lernen will, fühlt sich jede Erkenntnis schnell wie ein Angriff auf mich selbst an. Wenn mir jemand zeigt, dass ein Muster, das ich an anderen kritisiere, auch in meinem eigenen Handeln steckt, ist das nicht unbedingt angenehm. Da kann Wut entstehen: Ich habe dieses Muster selbst gestaltet, obwohl ich es eigentlich gar nicht mag. Da kann Trauer entstehen: Ich halte an etwas fest, obwohl ich längst weiss, dass es mir nicht mehr dient. Und da kann Angst entstehen: Was passiert, wenn ich wirklich anders handle? Wenn das, was mir bisher Halt gegeben hat, plötzlich nicht mehr trägt?
Unser Gehirn mag solche Situationen nicht besonders. Vertraute Muster geben Sicherheit, selbst dann, wenn wir wissen, dass sie uns nicht mehr weiterbringen. Und manchmal ist genau das der schwierige Teil von Veränderung: Das Alte funktioniert nicht mehr richtig, aber das Neue ist noch nicht da. Wir wissen vielleicht schon, was wir nicht mehr wollen, können aber noch nicht sagen, wie es stattdessen aussehen soll.
Für eine einzelne Person ist das schon schwierig. Für Teams und Organisationen wird es noch einmal komplexer. Denn dort sind Muster nicht nur in einzelnen Menschen verankert. Sie entstehen zwischen Menschen, in Rollen, Erwartungen, Routinen, Prozessen und gemeinsamen Geschichten. Wir geben uns gegenseitig Halt und bestätigen damit oft auch das, was wir eigentlich verändern wollten. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine grosse Chance: Wenn ein Team bereit ist, sich gemeinsam infrage zu stellen, kann es sich auch gegenseitig durch die Unsicherheit tragen, die entsteht, wenn vertraute Muster nicht mehr selbstverständlich sind.
Vielleicht ist deshalb nicht die wichtigste Frage, ob eine Organisation einen Kompass wie KAMPINADA® nutzen kann. Vielleicht ist die wichtigere Frage, ob sie bereit ist, sich selbst infrage stellen zu lassen.
Denn eine Unterbrechung bedeutet nicht, dass wir aufhören zu handeln. Sie bedeutet, dass wir für einen Moment bereit sind, nicht automatisch weiterzumachen. Wir halten inne und schauen, was unser Handeln eigentlich prägt. Welche Annahmen treffen wir? Welche Muster wiederholen sich? Was halten wir aufrecht, obwohl es seine ursprüngliche Wirkung längst verloren hat? Und welche Konsequenzen hätte es, wenn wir tatsächlich etwas anders machen würden?
Das kann unbequem sein. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Der KAMPINADA®-Kompass ist deshalb nicht als Methode gedacht, die möglichst schnell die nächste Lösung produziert. Er soll einen Raum schaffen, in dem wir zunächst verstehen können, was tatsächlich passiert. Denn manchmal ist die wertvollste Entscheidung nicht die, eine weitere Massnahme zu ergreifen, sondern zu erkennen, dass wir gerade dabei sind, viel zu bewegen, ohne wirklich voranzukommen.
Dafür braucht es Mut zur Unterbrechung. Und vielleicht noch etwas mehr: den Mut, sich selbst infrage stellen zu lassen. Und manchmal bestätigt sich durch das Innehalten auch einfach, dass der eingeschlagene Weg sinnvoll ist und wir ihn danach umso beherzter gehen können.
An welchem Muster hältst du fest, obwohl du weisst, dass es dir nicht dient?

