In meinem letzten Artikel habe ich darüber geschrieben, warum mich implizite Regeln in Organisationen interessieren: Wenn wir verstehen, unter welchen Bedingungen ein bestimmtes Verhalten entsteht, bekommen wir überhaupt erst die Möglichkeit, diese Bedingungen zu hinterfragen und zu verändern.
Das klingt zunächst ziemlich einfach. Ist es aber nicht. 😄 Denn meistens können wir die Bedingungen gar nicht unmittelbar beobachten.
Was wir beobachten, ist das Ergebnis.
Mitarbeitende sichern Entscheidungen immer wieder bei ihrer Führungskraft ab. Wissen wird nicht geteilt. Die Zusammenarbeit funktioniert nicht so, wie wir es uns wünschen. Oder Entscheidungen dauern sehr lange. Und meistens haben wir ziemlich schnell eine Idee, was wir dagegen tun könnten: mehr Empowerment, ein Wissensmanagementsystem, ein Teamworkshop, agile Methoden.
Eigentlich passiert dabei etwas Interessantes.
Das Verhalten, das wir beobachten, ist zunächst ein Ergebnis. Ein Ergebnis, das unter bestimmten Bedingungen entsteht:
Wenn bestimmte Bedingungen zusammenkommen → dann entsteht Verhalten Y.
Das Problem ist: Diese Bedingungen können wir oft nicht unmittelbar sehen. Sichtbar ist vor allem das Verhalten.
Und genau hier passiert etwas Interessantes: Statt nach den Bedingungen zu suchen, machen wir das beobachtete Verhalten selbst zum Ausgangspunkt für die nächste Wenn-Dann-Logik:
Wenn Verhalten Y → dann Lösung Z.
Aus „Menschen sichern Entscheidungen häufig bei ihrer Führungskraft ab“ wird beispielsweise: „Wir müssen die Eigenverantwortung stärken.“
Vielleicht ist das eine gute Idee.
Aber vielleicht wäre vorher eine andere Frage interessant: Unter welchen Bedingungen entsteht das Verhalten, das wir verändern möchten?
Vielleicht dürfen Menschen formal selbst entscheiden, haben aber erlebt, dass ihre Entscheidungen später korrigiert werden. Vielleicht fehlen Informationen. Vielleicht sind Zuständigkeiten unklar. Vielleicht ist es etwas ganz anderes.
Wenn wir die Bedingungen untersuchen, können wir bewusster entscheiden, wo wir eigentlich intervenieren wollen, sonst kann eine Intervention ein bisschen wie Make-up sein: Wir bearbeiten das, was sichtbar ist, ohne zu wissen, was es immer wieder hervorbringt.
Das bedeutet nicht, dass die Intervention nicht funktionieren kann. Vielleicht trifft sie tatsächlich eine relevante Bedingung.
Vielleicht aber auch nicht.
Welches DANN behandelst du gerade wie ein WENN, obwohl du sein WENN noch gar nicht kennst?
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