Eine Geschäftsregel kann sehr einfach aussehen:
WENN eine bestimmte Bedingung erfüllt ist → DANN passiert etwas Bestimmtes.
Zum Beispiel: Wenn ein Rechnungsbetrag eine bestimmte Höhe überschreitet, braucht es eine zweite Freigabe.
Der Vorteil einer solchen expliziten Regel ist, dass sie sichtbar macht, unter welchen Bedingungen etwas passieren soll.
Und was sichtbar ist, kann ich hinterfragen: Gilt diese Bedingung noch? Wollen wir unter diesen Umständen wirklich immer so handeln?
Dass Veränderung damit beginnen kann, Implizites wieder explizit zu machen, beschäftigt mich schon länger. Am Beispiel von Prozessmodellen habe ich darüber bereits geschrieben.
Was ich hinterfragen kann, kann ich auch verändern. Vielleicht ändern wir die Höhe des Rechnungsbetrags. Vielleicht fügen wir eine zweite Bedingung hinzu.
Seit meiner Dissertation begleitet mich deshalb das Buch Agile Unternehmen durch Business Rules von Markus Schacher und Patrick Grässle. Die Idee dahinter fand ich schon damals spannend: Wenn Regeln nicht irgendwo in Abläufen oder Software verschwinden, sondern explizit sind, können Unternehmen sie leichter verändern.
Heute begegnen mir Regeln an ganz anderen Stellen. Sie stecken in Software und Prozessabläufen, aber auch in Routinen, Gewohnheiten und Verhaltensmustern.
Und nicht immer sind die Bedingungen, unter denen etwas geschieht, für uns sichtbar.
Zum Beispiel könnte in einer Organisation formal gelten:
Mitarbeitende dürfen bestimmte Entscheidungen selbst treffen.
Im Alltag könnte sich aber eine ganz andere, implizite Regel entwickelt haben:
WENN eine Entscheidung riskant erscheint → DANN sichere ich mich lieber bei meiner Führungskraft ab.
Vielleicht steht diese Regel nirgendwo. Vielleicht würde ihr sogar jeder widersprechen. Und trotzdem kann sie Verhalten beeinflussen.
Solche Regeln können aus Erfahrungen entstehen, aus Erwartungen, Routinen oder Reaktionen anderer Menschen. Manchmal wissen wir selbst nicht genau, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich handeln.
Wenn wir etwas verändern wollen, werden genau diese unsichtbaren Bedingungen interessant. Denn solange wir sie nicht kennen, können wir sie auch nur schwer gezielt verändern.
Deshalb interessiert mich, welche Bedingungen mit einem beobachteten Verhalten zusammenhängen könnten.
Nicht, weil ich glaube, dass Menschen oder Organisationen wie Software funktionieren und sich jedes Verhalten mit einer einfachen Wenn-Dann-Regel erklären lässt. Im Gegenteil: In Organisationen können viele Bedingungen gleichzeitig wirken. Dieselbe Situation kann von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt werden. Deshalb ist es auch wesentlich schwieriger, solche impliziten Regeln sichtbar zu machen. Wir können beobachten, Hypothesen bilden, Menschen befragen, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und unsere Annahmen überprüfen.
dabei entsteht, ist zunächst keine Wahrheit über die Organisation, sondern eine Erklärung, die wir gemeinsam untersuchen können:
Ist das tatsächlich so? Wann beobachten wir es? Wann nicht? Welche Bedingungen spielen vielleicht noch eine Rolle? Und wollen wir etwas davon verändern?
Dann können wir gezielt Bedingungen verändern und beobachten, ob dadurch tatsächlich anderes Verhalten entsteht.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Regeln nach all den Jahren noch immer interessieren.
Nicht weil ich möglichst viele davon haben möchte, sondern weil ich die Chance haben möchte, sie verändern zu können.
Welche Regel beeinflusst dein Handeln, obwohl sie nirgendwo geschrieben steht?
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