In den letzten Jahren wird viel über Intuition gesprochen. Wir hören Sätze wie: „Vertraue deinem Bauchgefühl“ oder „Dein Körper weiss, was richtig ist.“
Ich sehe das etwas anders. Für mich ist Intuition zunächst eine Wahrnehmung. Sie macht mich auf etwas aufmerksam – aber sie sagt mir noch nicht, was dieses Etwas bedeutet.
Vor vielen Jahren hätte ich das noch nicht so beschrieben. Besonders deutlich wurde mir das in einem Projekt, das sich für mich schon länger nicht mehr tragfähig anfühlte. Ich war zunehmend erschöpft. Als ich es ansprach, bekam ich die Antwort: „Frau Wolff, dann nehmen Sie doch Tabletten.“
Ich fühlte mich verletzt und kündigte kurze Zeit später.
Damals dachte ich, meine Intuition hätte mich vor einer falschen Entscheidung bewahrt. Heute würde ich es anders beschreiben: Da war etwas, das ich wahrgenommen hatte, aber noch nicht wirklich erklären konnte.
Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.
Denn aus einem unguten Gefühl können sehr unterschiedliche Erklärungen entstehen. Vielleicht stimmt tatsächlich etwas in der Situation nicht. Vielleicht erinnert mich etwas an frühere Erfahrungen. Vielleicht verunsichert mich etwas einfach deshalb, weil es neu ist. Vielleicht gibt es Zusammenhänge, die ich noch gar nicht sehe.
Ich muss mich deshalb nicht zwischen Intuition und Analyse entscheiden.
Wenn ich heute eine starke innere Reaktion wahrnehme, interessiert mich zunächst: Was genau nehme ich eigentlich wahr? Welche Erklärung entsteht bei mir daraus? Was davon weiss ich – und was vermute ich? Welche anderen Erklärungen wären möglich?
Dann kann ich genauer hinschauen, Fragen stellen, andere Perspektiven einbeziehen oder bewusst nach Beobachtungen suchen, die meiner ersten Erklärung widersprechen.
Manchmal bestätigt sich meine Vermutung. Manchmal verändert sie sich. Und manchmal stelle ich fest, dass etwas ganz anderes dahintersteckte.
Intuition ist für mich deshalb keine Antwort. Sie kann der Anfang einer Frage sein.
Und vielleicht liegt genau darin ihr Wert: nicht darin, mir zu sagen, wie ich entscheiden soll, sondern meine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das es sich genauer zu erkunden lohnt.
Was nimmst du wahr und was machst du daraus?
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